Manche Leben dauern auf ungerechte Weise kurz,
das meiner Mutter dauert ungerecht lang
Heute hat meine Mutter Geburtstag, sie ist 97 Jahre alt geworden. Ich sitze am Kopfende ihres Bettes. Meine jüngste Schwester sitzt auf der anderen Seite, wir reden über Gott und die Welt. Meine Mutter, die seit einem halben Jahr das dämmrige Zimmer nicht mehr verlassen hat, hört uns vielleicht, aber sie reagiert nicht.
Früher hörte sie in jedem Laut, wie weit weg und wie zufällig er auch war, eine Botschaft an ihre Adresse. Jetzt
ist der Empfangbereich ihres Gehörs auf weniger als einen Meter geschrumpft. Gut möglich, dass sie unsere gedämpften Stimmen noch empfängt, aber sie sind bedeutungslos geworden wie die Windstösse – hoffe ich – die an einem lauen Sommertag ein beruhigendes Bett von rauschenden und wogenden Klängen formen für unseren träumerischen Halbschlaf.
Vor zwei Jahren haben wir zuletzt ihren Geburtstag gefeiert. Wir hatten sie festlich herausgeputzt in ihrem schicksten Kleid, und natürlich gab es Sahne- und Mokkatorten im Überfluss. Aber nichts davon drang mehr zu ihr durch. Als wir sie besangen, blickte sie weiter starr vor sich hin. Angesichts eines Stückes Kuchen, das ich ihr reichen wollte, wendete sie ihr Gesicht ab, brüsk und mit einer Grimasse, wodurch ein Klecks Sahne auf ihrem Kinn landete, den sie sogleich über ihrem ganzen Gesicht verteilte. Nur ein paar Jahre zuvor hatte sie uns noch regelmässig wissen lassen, dass sie einhundert Jahre alt werden wolle, und jeden Tag bat sie ‘Unseren Lieben Herrn’ darum. Jetzt wollte sie von keinem Geburtstag mehr wissen, von keinem Fest und nichts mehr vom Älterwerden.
Sie liegt im Bett wie eine Mumie. Das letzte halbe Jahr ist sie erschreckend abgemagert. Ohne Brille und Gebiss wirkt ihr eingefallenes Gesicht beinahe durchsichtig. Ganz selten, wenn ich sie zur Begrüssung oder zum Abschied auf die Wange küsse, bewegen sich ihre starr ins Nichts gerichteten Augen kurz in meine Richtung, wie eine maue Schreckreaktion auf den lebendigen Kontakt, von dem ich fürchte (aber manchmal auch hoffe), dass es für sie in keiner Weise mehr verbunden ist mit mir, ihrem Sohn, der sie begrüsst – eine minimale Unterbrechung der Ewigkeit, der für sie schon begonnen zu haben scheint.
Bei der Ankunft flüstere ich immer, gegen besseres Wissen, die Namen ihrer sechs Kinder in ihr Ohr, von denen ich sie angeblich grüssen soll. Bevor ich weggehe, zähle ich die Namen noch einmal auf, diesmal mit dem Versprechen, alle von ihr zu grüssen. Dabei nenne ich auch immer den Namen meiner ältesten Schwester, Meggy, die vor rund zwei Jahren starb, ohne dass meine Mutter etwas davon mitbekommen hat. Das Buch, das ich über die Krankengeschichte meiner Mutter geschrieben habe, konnte Meggy gerade noch lesen – sie war stolz darauf, dass ich es meinen fünf Brüdern und Schwestern, also auch ihr, gewidmet hatte. Bei der zweiten Auflage ein paar Monate später stand in der Widmung ein Kreuzchen hinter ihrem Namen.
Heute müssen wir am Bett meiner Mutter nicht mehr in Geheimsprache reden. Zusammen mit meiner jünsten Schwester singe ich, wenn wir genug geredet haben, Lieder aus unserer Kindheit. Es sind dieselben Lieder, die ich für unser erstes Enkelkind singe, wenn ich meinen Sohn besuche. Aber das Baby, fünf Monate alt, reagiert enthusiastisch und will mitsingen, auch wenn es das noch nicht kann. Zu meiner Mutter scheint nichts davon mehr durchzudringen.
Nur auf direkten physischen Kontakt reagiert sie noch, so wie neulich, als ein Pfleger es für nötig hielt, ihr eine Grippe-Schutzimpfung zu geben, und sie dabei ihr Gesicht schmerzhaft verzog. Meistens nehme ich vorsichtig eine ihrer fragilen Hände in die Hand, und wenn die sich unter der Decke verstecken, lege ich eine Hand auf ihre Schulter. Etwas von meiner Körperwärme muss sie dann wohl fühlen. Und wenn sie sie auch nicht mehr als ein Zeichen von Zuneigung und Liebe deuten kann – die Wärme als solche wird sie vermutlich doch als angenehm empfinden.
Die Stunden an ihrem Bett verlaufen träge und äusserst monoton. Meine Ratlosigkeit während der Übergangsjahre ihrer Krankheit, als sich die Demenz met aller unterminierenden Kraft Geltung verschaffte, hat einer Ergebenheit Platz gemacht. Manche Leben dauern auf ungerechte Weise kurz, das meiner Mutter dauert ungerecht lang.
Cyrille Offermans, geboren 1945, ist einer der originellsten und vielseitigsten niederländischen Essayisten im Grenzgebiet von Literatur, Philosophie, Kulturgeschichte und Politik. Anfang der 1970er Jahre machte er Adorno und Walter Benjamin in den Niederlanden bekannt. Offermans ist Autor von Theaterstücken, Jugendbüchern und Künstlermonografien (u.a. über Paul Klee), die mehrfach mit wichtigen Preisen ausgezeichnet wurden.
