IDé im Gespräch mit Emmelien Rijken, Pflegefachkraft
Jeder Mensch hat seine Gewohnheiten, den Tag zu beginnen. Warum sollte das bei Menschen mit Demenz anders sein? Diese Frage stellte sich Emmelien Rijken, eine Pflegefachkraft. Sie arbeitete in einem traditionellen Pflegeheim mit Mehrbettzimmern. Nicht gerade eine Idealsituation für individuelle, auf die
Bedürfnisse der Bewohner zugeschnittene Lösungen. Trotzdem gelang es Emmelien, eine einfache Methode zu entwickeln, die jedem Bewohner einen guten Start in den Tag ermöglicht. Lassen Sie sich inspirieren.
Angenommen, Sie werden eine halbe Stunde zu spät wach. Sie spurten zum Waschbecken, in die Dusche, zum Kleiderschrank. Das Frühstück schlingen Sie hinunter. Mit noch nassen Haaren rennen Sie zur Haltestelle und verpassen natürlich den Bus. „Sie können es sich schon denken, der Tag ist nicht mehr zu retten“, sagt Emmelien Rijken (46). Sie wohnt in Amsterdam und hat gerade ihr Studium als Pflegefachkraft abgeschlossen.
Auch Bewohner eines Pflegeheims haben eigene Vorstellungen, wie sie den Tag am liebsten beginnen möchten. Emmelien war neugierig auf das Morgenritual der Bewohner in der Abteilung des Pflegeheims, in der sie damals tätig war. Und sie machte sich auf die Suche.
Pflegekräfte wissen vieles
Manche Bewohner konnten es mühelos selbst formulieren. „Ich schlafe am liebsten noch ein bisschen aus“, bemerkte eine von ihnen. Emmelien, lachend: „Das traf sich gut, da konnte ich einer anderen Dame helfen, die lieber früh aufstehen wollte.“
Andere Bewohner konnten sich nicht mehr selbst dazu äußern. Dann erkundigte Emmelien sich bei den Angehörigen und den Pflegekräften, die die betreffenden Bewohner noch aus früheren Zeiten kannten. Gerade die Mitarbeiter sind dabei wichtig, entdeckte sie. „Angehörige wissen oft nicht, wie ihre Verwandten im Pflegeheim den Tag beginnen möchten. Weil sie die Situation gar nicht kennen. Aber Pflegekräfte können wertvolle Informationen liefern, vor allem, wenn sie den Betreffenden schon vorher bei der häuslichen Pflege oder in einem Altenwohnheim kennengelernt haben.“
Fixieren überflüssig machen
Die von einem Bewohner geschätzten Morgenrituale zu kennen, kann sogar das Fixieren überflüssig machen. Emmelien nennt ein Beispiel aus der Praxis: „Ein Bewohner steht ständig gegen sechs Uhr morgens auf. Dann fängt er an, ein bisschen, wie man so sagt, ‚herumzukruscheln’. Eigentlich nicht weiter schlimm – nur ist er dabei des öfteren gestürzt und hat sich sogar schon einmal etwas gebrochen.“
Anfangs wird dieser Bewohner im Bett festgebunden. So ist die Gefahr gebannt, dass er stürzen und sich etwas brechen könnte. Emmelien bezeichnet das als altmodische und schmerzhafte Lösung. Als sie eines Morgens kommt, um dem Mann aus dem Bett zu helfen, ist er in Tränen aufgelöst. „Er hat gesagt: ‚Ich begreif es nicht. Bin ich denn so krank? Ich versuche schon stundenlang aufzustehen, aber es klappt nicht mehr.’“
Der Schlüssel
Es muss doch einen Grund geben, denkt Emmelien, dass dieser Bewohner so früh aufsteht. Sie erkundigt sich bei seiner Tochter. Die sagt jedoch, ihr Vater sei eigentlich immer ein Langschläfer gewesen. Emmelien: „Ich war überrascht, das passte überhaupt nicht zu seinem jetzigen Verhaltensmuster.“ Zum Glück trifft sie eine Pflegekraft, die diesen Bewohner schon früher in einem Altenwohnheim kennengelernt hat. „Sie hat mir erzählt, dass er morgens gern im Bett seine Lieblingsmusik hörte, Schlager aus den fünfziger Jahren. Wir beschlossen, es auszuprobieren. Seine Tochter brachte einen CD-Player mit.“ Der Versuch war ein voller Erfolg, auf das Fixieren konnte von da an verzichtet werden. „Sobald wir merken, dass er wach ist, stellen wir Musik an“, sagt Emmelien begeistert. „Dann möchte er am liebsten lange im Bett liegen bleiben und die Musik genießen.“
Persönlichkeitskarten
Für jeden Bewohner ihrer ehemaligen Abteilung wurde das von ihm geschätzte Morgenritual schriftlich festgehalten. Emmelien machte das zum Thema ihrer Abschlussarbeit und entwickelte Persönlichkeitskarten. So kann jede Pflegekraft sehen, wie ein Bewohner den Tag am liebsten beginnen möchte. Was mag er besonders gern, was kann er nicht ausstehen?
Sie geht noch einen Schritt weiter. Morgens fragt sie jeden Bewohner, wie er den Tag am liebsten verbringen möchte. „Ich schalte nicht das Licht an, sondern setze mich auf die Bettkante und frage: ‚Was möchten Sie heute gern machen?’“
Ruhiger und besser gelaunt
Man kann und braucht nicht jedem Wunsch zuzustimmen, sagt Emmelien. „Oft reicht es schon, über den Wunsch zu reden. Eine Bewohnerin sagt zum Beispiel, dass sie gleich ihre Kinder zur Schule bringen will. Dann frage ich sie nach den Kindern und wie sie in der Schule zurechtkommen.“
Oder nehmen wir den Mann, der sagte: „Ich möchte gern in die Amsterdamer Raadhuisstraat.“ Emmelien: „Zufällig kenne ich die Gegend. Wir haben uns zusammen vorgestellt, wie wir durch die Straße laufen. Er konnte genau sagen, wo alle Geschäfte sind, und hatte einen Riesenspaß!“
Wenn der Tag gut anfängt, ist alles viel leichter. Emmelien, begeistert: „Man merkt, dass die Bewohner nach so einem Gespräch den ganzen Tag ruhiger und besser gelaunt sind.“
Fragen
Fragen stellen. So lautet, kurz gesagt, ihre Botschaft. Frage die Bewohner, was sie möchten. Emmelien berichtet von überraschenden Ergebnissen. „So gab es einen Bewohner, der sagte: ‚Schade, dass ich nicht jeden Tag nach draußen kann.’ Seitdem bringen wir ihn jeden Tag auf die überdachte Terrasse. Auch wenn es kalt ist. Dann ziehen wir ihm eben einen Mantel an.“
Änderung der Pflegekultur
Emmelien konnte ihre Kolleginnen und Kollegen für ihre Idee begeistern, indem sie sie fragte, wie sie den Tag gern beginnen würden. So wurde sich jeder bewusst, wie wichtig es ist, mit einem guten Gefühl aufzustehen. „Es geht nicht von einem Tag auf den anderen“, schließt Emmelien. „Es geht um eine Änderung der Pflegekultur. Man muss jemanden davon überzeugen, der es einfach macht – und der zeigt dann, wie viel Gutes es bewirkt.“
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