Pflegeheimarzt Hans Houweling hat nie fixiert. Menschen mit Demenz suchen Halt. Dann ist es abwegig, sie festzubinden, sagt der „Anti-Fixierer“ der ersten Stunde. „Wir müssen ihnen statt dessen Nähe, Gemütlichkeit und Geborgenheit bieten.“
„Stellen Sie sich vor: Sie möchten nach Hause, um für die Kinder Tee zu kochen. Aber Sie werden festgebunden. Was kann Ihrem Kind nun alles zustoßen? Und schon geraten Sie in Panik“, sagt der Pflegeheimarzt Hans Houweling, Mitgründer des bekannten Anton-Pieck-Hofje in Haarlem, einer Pflegeeinrichtung, die aus sechs zweigeschossigen, um einen zentralen Hof gruppierten Häusern besteht.
Hans ist aus drei Gründen gegen den Fixiergurt. „Erstens: aus hu
manitären Gründen – so geht man nicht mit Menschen um. Zweitens: im Rahmen einer guten Pflege hat er nichts zu suchen. Und drittens: aufgrund wissenschaftlicher Studien. Es ist bewiesen, dass der Verzicht auf das Fixieren nicht zu einer Zunahme ernsthafter Unfälle führt.“
Das Irrenhaus
Das Fixieren stammt, so Hans Houweling, aus der Zeit des Irrenhauses, der psychiatrischen Anstalt aus alten Zeiten. „Es gab noch keine Medikamente, also wandte man oft körperliche Maßnahmen an, wenn sich Insassen „verrückt“ und „wild“ benahmen. Menschen festbinden, ihnen Maulkörbe anlegen, sie isolieren und unter Fixierdecken festhalten. Heiße und kalte Bäder. Ich denke manchmal, dass der Fixiergurt noch ein Relikt aus der Psychiatrie ist, wo so etwas üblich war bei einem Verhalten, das niemand verstanden hat.“
Miteinander
Hans Houweling hat nie fixiert. Unter Fixieren versteht er vor allem die Benutzung des Fixiergurts und aller anderen Mittel, die den Zweck haben, den Betroffenen an seinem Platz festzuhalten. Man denke an Armfesseln, Fixierdecken, „Pflegeoveralls“ usw. Die erste Einrichtung, in der Hans die ärztliche Verantwortung übernahm, war das Pflegeheim Overspaarne in Haarlem, das er selbst 1980 ins Leben rufen durfte. Es versteht sich von selbst, dass in diesem Haus Fixiergurte nicht erwünscht sind. Hans: „Also habe ich allen Mitarbeitern erklärt, warum das so ist.“ Es gelang ihm so überzeugend, dass Personal und Leitung mitzogen. Lachend: „Wir hatten so etwas gar nicht erst im Haus, also konnten sie es auch nicht benutzen.“
Dilemmas
Naturlich geriet Hans auch in Dilemmas. Was war mit Bewohnern, die oft aus dem Bett fielen? Zu solchen Fällen meinte er: „Wir versuchen, das Problem zusammen zu lösen. Wir gehen der Frage nach, wie es dazu kommt. Welche Vorgeschichte hat der Bewohner? Man bezieht die Angehörigen mit ein und überlegt gemeinsam: Was ist hier eigentlich los? Anschließend reden wir über mögliche Lösungen. Vielleicht gibt es eine ganze Menge. Nur die eine Lösung, den Fixiergurt, die haben wir nicht. Dann akzeptiert man also das Risiko, dass jemand auch mal fällt. Ist das schlimm? Wenn es nicht zu ernsthaften Folgen führt, muss man sich auch fragen, ob das dann schlimmer ist als das Fixieren. Man muss natürlich auf jeden Fall die Verantwortung übernehmen. Man achtet auf größtmögliche Sicherheit. Man sorgt z.B. dafür, dass das Bett sehr niedrig eingestellt ist. Wir haben auch schon Leute auf einer Matratze auf dem Boden schlafen lassen.“
Leitung
Manchmal geriet Hans in Dilemmas, zu deren Lösung er auf die Kooperation der Leitung angewiesen war. „Bei sehr unruhigen Klienten, die sehr viel Betreuung benötigen, muss die Leitung bereit sein, einen zusätzlichen Mitarbeiter einzusetzen. Das kann man natürlich nicht lange machen, der Etat ist begrenzt, aber wir taten es. Für einen bestimmten Zeitraum setzt man eine zusätzliche Pflegekraft ein und in dieser Zeit überlegt man sich eine Lösung.“
Hans hat größere Erwartungen an die Leitung. Nicht-Fixieren erfordert von den leitenden Angestellten Sachverstand und Kenntnisse der Fachliteratur. Sie haben außerdem die Aufgabe, ihre Mitarbeiter zu befähigen und in die Lage zu versetzen, ihre Pflegearbeit ohne das Fixieren zu bewältigen. „Sie müssen sich um ihre Mitarbeiter kümmern, sie unterstützen und Verantwortung für sie übernehmen. Also nicht sagen: ‚Wenn in der Nacht was passiert, bist du dafür verantwortlich.’“
Rolle des (Pflegeheim-)Arztes
Hans betont, dass es auf die Kooperation ankommt. „Es ist eine Sache des ganzen Teams. Der Pflegende muss sich von den Angehörigen, der Leitung und dem Arzt unterstützt fühlen. Vom Arzt besonders. Der (Pflegeheim)-Arzt muss die Verantwortung tragen und erklären, warum das Fixieren schädlich ist.“ Und dafür braucht der (Pflegeheim-)Arzt viel Energie. Manchmal muss er intensive Gespräche mit Angehörigen und Pflegenden führen. „Außerdem muss der Arzt erreichbar und einsatzbereit sein, auch in schwierigen Situationen“, sagt Hans. „Er muss notfalls andere Disziplinen hinzuziehen und dafür sorgen, dass das Problem analysiert wird.“
Rolle der Pflegekräfte
Was erfordert das Nicht-Fixieren von den Pflegekräften? Hans: „Sie müssen aufmerksamer sein. Und eher mal mit jemandem eine Runde laufen.“ Am wichtigsten ist jedoch, dass die Pflegekräfte begreifen, was Pflege von Menschen mit Demenz umfasst. Hans: „Menschen mit Demenz suchen einen Halt. Ihre Unruhe bedeutet eigentlich: ‚Halt mich fest.’ Dann ist es natürlich abwegig, zu sagen: ‚Ich binde dich fest.’ Damit lässt man den anderen im Stich. Festhalten – das macht man mit den Händen und dem Herzen. Ich bezeichne das als herzliche Pflege.“
Herzliche Pflege
Herzliche Pflege (niederländisch „warme zorg“) basiert auf der Bindungstheorie des (verstorbenen) englischen Kinderpsychiaters John Bowlby. Bowlby geht davon aus, dass Kinder eine enge Beziehung zu einer Sicherheit gebenden Mutter anstreben. Dieses Bindungsverhalten kehrt bei Erwachsenen in Situationen zurück, die als lebensbedrohlich erfahren werden. „Menschen mit Demenz verlieren die Orientierung und das reaktiviert das Bindungsverhalten“, sagt Hans. „Sie suchen ihr Zuhause und ihre Mutter, aber eigentlich sind sie auf der Suche nach Nähe, Geborgenheit und Sicherheit.“
Was bedeutet diese Theorie für die Pflege von Menschen mit Demenz? „Dass die Pflegekraft den Arm um dich legt, dich abends fürsorglich zudeckt, all diese Formen der körperlichen Zuwendung, darum geht es. Herzliche Pflege bedeutet, dass das Nähe suchende Verhalten erwidert wird, indem man Nähe, Gemütlichkeit und Geborgenheit vermittelt und ein Vertrauensverhältnis mit dem Klienten eingeht.“
Verboten
Hans fasst es kurz und bündig zusammen: „Fixeren ist schlechte Pflege, das sollten wir nicht mehr wollen.“ Wenn es an ihm läge, würde der Fixiergurt weltweit verboten. Er schließt: „Ein Mittel, das so nachweisbar schlecht ist und sogar zu Sterbefällen führt, ein schlechtes Mittel mit sehr vielen unangenehmen Nebenwirkungen … das müsste man sofort vom Markt nehmen.“