Man stelle sich folgende Situation vor: Ein zukünftiger Bewohner hängt sehr an seinem Haustier. Er weigert sich, sein Zuhause ohne den geliebten Zwei- oder Vierbeiner zu verlassen. Kein Problem, ins Pflegeheim Lückerheide dürfen Tiere einfach mitkommen – sogar ein Pferd. Willkommen bei Frau Parafredus und ihrem Pferd Winnetou.
An der Tür erkennt man ihr Zimmer. Ein Pferdebild fällt ins Auge, und die Tür besteht wie eine Stalltür aus zwe
i Teilen. Im Zimmer hängen überall Fotos der Pferde, die Frau Parafredus früher besessen hat. Sie ist schon als Kind geritten und hat damit erst mit 69 aufgehört.
Aufwändiges Unterfangen
Zusammen mit der Wohnbereichsleiterin Yvon Schoenmaekers und Frau Parafredus gehen wir zu Winnetou. „Oft kommen auch andere Bewohner mit. Alle wollen Winnetou besuchen“, erzählt Yvon.
Dreimal am Tag begleitet eine Pflegekraft Frau Parafredus zum Stall. Ein aufwändiges Unterfangen: durch lange Flure, durch den Personaleingang nach draußen, über den Parkplatz und dann Schuhe aus und Stiefel an. Wenn Frau Parafredus den Stall erblickt, leuchten ihre Augen. Auch Winnetou lebt auf, wenn er ihre Stimme hört. Er sieht sie noch nicht, aber beginnt schon zu wiehern. Frau Parafredus redet ihm beruhigend zu.
Schweinestall
Momentan steht Winnetou noch in der verschlammten Scheune des Kinderbauernhofs. „Das ist ein Schweinestall. Du musst hier raus“, murrt Frau Parafredus. Zum Glück wird auf dem Gelände ein neuer Stall gebaut, genau gegenüber von ihrem Zimmer. So kann sie ihren Winnetou immer sehen.
Beim Streicheln, Striegeln und Füttern redet Frau Parafredus die ganze Zeit mit Winnetou. Sie sagt ihm, wie lieb er sei und dass er ihr gefehlt habe. Und dass sie bald nach Hause gehen würden. Sie ist in Lückerheide zwar zufrieden, möchte aber zusammen mit ihrem Pferd nach Hause.
Jeden Abend packt Frau Parafredus deshalb ihre Sachen ein. Sie nimmt die Fotos von der Wand und steckt sie in ihre Tasche. Weil sie ja gleich nach Hause geht, zusammen mit Winnetou. Den Pflegekräften gelingt es immer, sie abzulenken und später ins Bett zu bringen.
Zeit, um von Winnetou Abschied zu nehmen. Und obwohl sie heute Abend wieder zu ihm geht, fällt es ihr schwer. Bevor sie die Scheune verlässt, schaut sie sich noch einmal um und sagt: „Winnie, nachher hole ich dich. Dann gehen wir zusammen nach Hause.“
Ohne Pferd? „Nie im Leben!“
Yvon erzählt, dass Heimleiter Math Gulpers nicht lange zu überlegen brauchte, als er von der Situation erfuhr: Eine Frau lebt zusammen mit Hund, Katze und Pferd im Lagerraum ihres früheren Ladens. Früher fuhr sie, zusammen mit ihrem Mann, mit Pferd und Wagen die Ware für ihren Kohlen- und Gemüseladen aus. Das Pferd lebt schon seit 28 Jahren bei ihr. Nun sorgt sie für die Tiere, so gut sie kann, aber nicht mehr für sich. Deshalb soll sie in ein Pflegeheim. Aber ohne ihr Pferd? „Nie im Leben!“, rief Frau Parafredus.
Yvon: „Wir gehen davon aus, dass die Bewohner glücklich sein sollen. Wenn das nur zusammen mit dem Pferd möglich ist, dann muss das Pferd eben mit.“
Tiere in Lückerheide
Der Hund von Frau Parafredus musste eingeschläfert werden. Die Katze ist entlaufen. Zum Glück vermisst sie die beiden Tiere nicht. Außerdem gibt es noch andere Tiere in Lückerheide: eine Katze, zwei Wellensittiche, Fische, Gänse, Ziegen und Kaninchen. Jeder Bewohner darf sein (Haus)Tier mitbringen, wenn es sauber, problemlos im Umgang und ruhig ist. Der Bewohner kommt selbst für das Futter und, falls nötig, für die Unterbringung auf. Die Pflegekräfte sorgen für die Tiere in den Wohnbereichen.
„Wenn eine Pflegekraft gegen die Tiere allergisch ist, muss sie in einen anderen Wohnbereich wechseln“, sagt Yvon. „Wir gehen von erlebnisorientierter Pflege aus, also muss ein (Haus)Tier mitkommen können.“ Um das Pferd müssen sich die Pflegekräfte übrigens nicht kümmern. Das machen drei ehrenamtliche Helfer.
Positive Wirkungen auf alle
Von Winnetous Einzug profitieren auch die anderen Bewohner. Durch den Kontakt zu dem Pferd und den anderen Tieren werden sie ruhiger, fröhlicher und aufgeweckter. „Der Unterschied zu den normalen Haustieren besteht darin, dass das Pferd ein Projekt für sich ist“, erzählt Yvon. „Jeder ist daran beteiligt. Die Bewohner wollen sich das Pferd ansehen, gehen also mehr nach draußen und bewegen sich mehr. Das ist gut, um Stürzen vorzubeugen. Und Bewohner von der Korsakow-Abteilung bekommen ihre eigenen Aufgaben, um bei der Pferdepflege zu helfen.“
Kurzum: Ein Pferd in einem Pflegeheim ist keine Last, sondern eine Bereicherung!
Aus Datenschutzgründen wurde der Name von Frau Parafredus geändert.
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Haustiere ins Pflegeheim!
Ein Plädoyer für die Tierhaltung in Alten- und Pflegeheimen