Professor Jan Hamers über Bewegungsfreiheit
Auch alte Menschen mit Demenz möchten sich frei und gefahrlos bewegen können. Trotzdem werden viele in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Sie werden zum Beispiel festgebunden, „fixiert“, wie es im Jargon heißt. Warum? Und mit welchen Folgen? Welche Alternativen gibt es, und wann könnten sie erfolgreich sein? Professor Jan Hamers hat das Wort.
Jan Hamers ist Professor für Pflege und Betreuung alter Menschen. Sein Lehrstuhl wurde von der Meander-Gruppe, einem Pflegedienstleister im niederländischen Süd-Limburg, gestiftet. Und er beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema freiheitsentziehende Maßnahmen.
Fixieren
Unter „Fixieren“ versteht Jan Hamers „sämtliche Maßnahmen, die einen Pflegeheimbewohner in seiner Freiheit einschränken.“
Berüchtigt sind die Fixiergurte, mit denen jemand an einen Stuhl oder ans Bett gefesselt wird. Außerdem gibt es Handfesseln, Fußfesseln, Fixierdecken, Therapietische, die fest angebracht sind, so dass der Bewohner nicht aufstehen kann, und Bettgitter.
Unwissenheit
Es geschieht viel öfter, als nötig wäre, weiß Jan Hamers. In Pflegeeinrichtungen stößt er auf Unwissenheit und Vorurteile. Ihm fällt auf, dass es oft aus Gewohnheit geschieht. Zum Beispiel bei einem Pflegeheimbewohner, der unruhig ist, oder weil jemand „sturzgefährdet“ sein soll, oder weil keine ausreichende Überwachung vorhanden ist. Hamers: „In acht von zehn Fällen geht es um Sturzprävention. Man befürchtet, dass jemand fallen könnte. Oft ist diese Angst unbegründet.“
Folgen
Fixiert zu werden, ist kein Vergnügen. Hier nur einige der möglichen Folgen: Angst, Abwehr, Demütigung, Unbehagen, Desorientierung, Verhaltensstörungen, beeinträchtigtes Selbstbild, Verwirrtheit, Aggression, Depression, Zunahme von Unruhe und soziale Isolation. Hinzu kommen körperliche Beeinträchtigungen. Das Risiko einer Verkrampfung oder Bewegungsunfähigkeit. Tiefe Thrombose. Embolie (Verschluss eines Blutgefäßes). Ödem (Flüssigkeitseinlagerung im Gewebe). Reduzierte Atemkapazität. Verschlechterung der Kondition. Verringerung der Muskelmasse. Verlust des Gleichgewichtssinnes.
Sturzgefahr
Jan Hamers: „Die Sturzgefahr wird nur größer, wenn man fixiert. Wenn man jemanden eine Woche in einem Fixiergurt festhält, wird er mit Sicherheit stürzen, denn die Muskelmasse nimmt sehr schnell ab.“
Außerdem kommt es zu Unfällen. Zum Beispiel, weil ein Bewohner versucht, über ein Bettgitter zu klettern oder mit dem Kopf zwischen den Gitterstäben hängenbleibt. Jedes Jahr enden einige dieser Unfälle sogar tödlich.
Eine Frage
Es gibt keine Patentlösung für alle Bewohner. Hier ist Maßarbeit gefordert, sagt Jan Hamers. „Man muss sich um jeden Menschen einzeln kümmern. Und eine passende Alternative für ihn finden.“
Es beginnt mit einer Frage, die man sich bei jedem Bewohner stellen müsste: Warum haben wir irgendwann angefangen, diesen Bewohner zu fixieren? Was war der Anlass? Jan Hamers: „Dann stellt sich zum Beispiel heraus, dass Unruhe der Grund war. Aber ist dieser Mensch noch immer unruhig? Es war die Rede von Sturzgefahr oder der Angst, dass jemand fallen könnte. Aber ist diese Angst begründet? In so einem Fall sagen wir: Mach den Gurt auf, setz dich daneben und schau, was passiert. Oft stellt sich heraus, dass jemand gar nicht fällt, und sollte es doch passieren, führt es nicht gleich zu einer Fraktur.“
Alternativen
Welche Alternativen es gibt, muss man für jeden Bewohner gesondert herausfinden. Hamers nennt ein paar der möglichen Lösungen: „Nachts nicht mehr fixieren, sondern Betten anschaffen, die fast bis auf den Boden heruntergefahren werden können. Oder Infrarotsysteme und Sensormatten benutzen, sodass ein Signal ertönt, wenn der Bewohner aufstehen will.“
Er fährt fort: „Aktivitäten zu den Zeiten anbieten, in denen jemand unruhig ist. Angehörige und ehrenamtliche Helfer einbeziehen, damit Mutter nicht die ganze Zeit auf einem Stuhl mit einem Tablett vor sich sitzt. Außerdem: Die Umgebung sicherer machen: Für ausreichende Beleuchtung sorgen und alle Stolperfallen entfernen. Hüftprotektoren benutzen
, falls diese konsequent getragen werden. Physiotherapeuten hinzuziehen, damit der Bewohner besser gehen lernt.“ Eine Warnung ist wichtig, sagt Hamers. „Wenn Leute lange Zeit fixiert waren, können sie noch nicht gleich wieder gehen: Es ist nämlich wenig von ihrer Muskelmasse übrig. Also muss die Gehfähigkeit mit Hilfe von Übungen vorsichtig wieder aufgebaut werden.“
Starrsinnig
Gute Nachrichten: Es hat sich erwiesen, dass die Bewohner in Bereichen, wo nicht oder kaum fixiert wird, zwar häufiger fallen, „aber ohne ernsthafte Verletzungen“, weiß Jan Hamers. Trotzdem ist die Praxis starrsinnig. „Weiterbildung des Personals reicht nicht aus“, sagt er. „Es muss struktureller Bestandteil des Pflegeleitbildes einer Organisation werden. Eine Änderung der Pflegekultur ist notwendig. Jeder Beteiligte, von den Angehörigen, dem Pflegeheimarzt bis hin zur Küchenhilfe, muss dahinterstehen. Die Leitung muss grünes Licht geben. Das Ganze muss außerdem verbindlich sein.“
Für internationale Fakten zum Fixieren, gehe zu Internationale Fakten zur Freiheitsbeschränkung.
Für internationale Studien zum Fixieren – in englischer Sprache – gehe zu Why do we use physical restraints in the elderly?