Im Bethesda Altenheim in Gronau wird nicht fixiert. Es werden auch so wenig wie möglich Beruhigungsmittel verabreicht. Stattdessen richten sich die Pflegekräfte nach den Wünschen und Bedürfnissen der Bewohner; die Bewohner gestalten ihren eigenen Tagesrhythmus und können zudem an Kräftigungsübungen teilnehmen. ,,Mutig sein und neue Wege ausprobieren“, lautet das Motto.
Im Wohnbereich für demenziell erkrankte Bewohner, wo es dank der Duftlampen angenehm riecht, ist kein
Fixiergurt zu sehen. Im Flur treffen wir Frau Schmidt in ihrem Trippelstuhl: einem höhenverstellbaren Stuhl mit Rollen, den man mit den Beinen fortbewegen kann. “Ich bin hier sehr glücklich, fühle mich wie zu Hause“, sagt sie lächelnd. Sie ,,trippelt“ weiter in Begleitung von zwei verspielten Hunden, die im Bethesda - Altenheim auch willkommen sind.
„Vor einem Jahr wurde Frau Schmidt im Rollstuhl und völlig benommen zu uns gebracht“, erzählt uns der Heimleiter Reinhard van Loh. ,,Jetzt kann sie sich mit dem Trippelstuhl überall bewegen, und Medikamente braucht sie auch kaum noch. Sie ist richtig aufgeblüht.“
Intensive Fortbildung
Seit fünf Jahren weht ein frischer Wind im Bethesda - Altenheim (100 Bewohner) im deutschen Gronau: Heimleiter Reinhard van Loh und Pflegedienstleiterin Christa Brune haben beschlossen: Die Bewohner sollen sich frei und sicher bewegen können, schließlich geht es um deren Lebensqualität. Beide sprechen aus Erfahrung, sie haben früher auch in der Pflege gearbeitet und Bewohner fixiert.
Der erste Schritt war die intensive Schulung und Fortbildung aller Pflegekräfte. ,,Sie haben gelernt, was Wohlfühlpflege ist und dass die Bewohner Geborgenheit brauchen,“ sagt Christa Brune.
Es war eine richtige Veränderung der Pflegekultur, wie die Erfahrung auch in anderen Pflegeheimen lehrt. Siehe Artikel. Das Fixieren stoppen – Anregungen für Führungskräfte und ‘Ich fühlte mich wie ein Hund an der Kette’.
Alles wieder normal
Herr Müller geht im Flur spazieren, er sieht entspannt aus. Petra Thomas, Wohnbereichsleiterin, begleitet ihn. Sie arbeitet schon lange in der Pflege und hat das Umdenken im Bethesda Altenheim miterlebt. ,,Nicht fixieren
ist viel schöner“, sagt sie begeistert. ,,Ich bin auch froh, dass die Beruhigungsmedikation sehr reduziert werden konnte. Jetzt ist wieder alles normal.“ Normal, wie meint sie das? Petra Thomas: ,,Na ja, fixieren ist nícht normal. Unsere Bewohner sind jetzt viel ruhiger, weil sie sich frei bewegen können.“
Reinhard van Loh hört angetan zu. ,,Wir sind sehr stolz auf unsere Mitarbeiter,“ sagt er später. ,,Wir haben supergute Mitarbeiter!“ Es lohnt sich, in die Mitarbeiter zu investieren. ,,Sie sind nicht nur fachlich besser, sie wachsen auch persönlich.“
Fit für 100
Es blieb nicht nur bei Schulungen. Zur Sturzprophylaxe wurden ergänzende technische Hilfsmittel angeschafft. Zum Beispiel niedrig einstellbare Betten und Bewegungssensoren neben dem Bett. Außerdem beteiligt sich die Einrichtung an einem besonderen Bewegungsprogramm: ,,fit für 100“ einem Bewegungsangebot für Hochaltrige. Ein Trainingsprogramm, das vor allem auf die Wiedererlangung der Muskelkraft ausgerichtet ist. Reinhard van Loh: ‚,Mit diesem Programm stärken unsere Bewohner ihre Muskulatur, was auch einen sicheren Gang fördert. Sie arbeiten zum Beispiel mit Gewichten, und das macht ihnen großen Spaß!“
Biografiearbeit
Bei der Reduzierung der Medikation konnten sie mit der Hilfe des Facharztes rechnen. ,,Zum Glück begrüßte er unsere Idee sofort“, sagt Reinhard van Loh. Zur gleichen Zeit lernten die Pflegekräfte, wie wichtig es ist herauszufinden, welche Ursachen eine Unruhe haben kann, erzählt Christa Brune. ,,Wie man die Bewohner beruhigen kann. Wie wichtig Biografiearbeit ist, zu wissen, wer der einzelne Bewohner war. Wie man dem Rhythmus der Bewohner folgen kann.“ Reinhard van Loh nickt und fügt dahin: ,,Das heißt, wenn ein Bewohner nachts aktiv sein will, darf er es sein. Wenn sich ein Bewohner nachts anziehen möchte, darf er das. Und wenn sich einer nachts rasieren möchte, ist das auch kein Problem.“
Offenes Haus
Man kann diese Arbeit nur machen, wenn man keine Insel in der Gesellschaft ist, sagt Reinhard van Loh. ,, Leider sind Altenheime immer noch eine Insel in der Gesellschaft. Irgendwo gibt es da ein Tabu. Um dieses Tabu zu brechen, wollen wir ein offenes Haus sein, wir wollen, dass die Menschen zu uns kommen. Dafür arbeiten wir zum Beispiel u.a. mit drei Schulen und dem ortsansässigen Kneipp-Verein zusammen.“
Bethesda ist eine enge Kooperation mit einem Gymnasium und zwei Kindergärten eingegangen. Kleine Kinder und Schüler sind dann auch regelmäßige und gern gesehene Gäste im Bethesda.

Schafe
Draußen, im großen und sicher umzäunten Garten, begegnen wir Frau Fischer. Sie trippelt in ihrem Rollstuhl entlang der Spazierwege, an den Schafen und dem schönen Teich mit den Koikarpfen vorbei. Verbal kann sie sich kaum noch ausdrücken, doch als sie uns sieht, winkt sie fröhlich.
Der Garten spielt eine wichtige Rolle. Im Sommer werden die Betten der bettlägerigen Patienten in den Garten gebracht, damit auch diese Bewohner die Sonne und frische Luft genießen können. Jeden Mittwoch wird dann bei gutem Wetter gegrillt.
Herr van Loh und Frau Brune können nicht aufhören zu erzählen. Darüber, wie wichtig Schmerzerkennung ist, über schmackhaftes Essen…
Was ist ihr Leitmotiv?
Christa Brune: ,,Ich möchte, dass unsere Bewohner das Leben zu jeder Zeit leben, ob sie krank oder gesund sind. Bei uns steht das Leben im Mittelpunkt.“
Reinhard van Loh: ,,Mein Motto lautet: Mutig sein und neue Wege ausprobieren.“
Der Privatsphäre wegen sind die Namen der Bewohner fingiert.
Sind Sie an einer Führung im Bethesda – Altenheim interessiert? Schicken Sie eine E-Mail an: infobethesda-altenheim.de