Mit der Lebensgeschichte eines Demenzkranken arbeiten: Immer mehr Pflegeeinrichtungen erkennen, wie sinnvoll das ist. Zu Recht, wie eine Übersicht der internationalen Studien auf diesem Gebiet zeigt. Sowohl für den alten Menschen wie auch für die Pflegekraft ist es eine schöne und nutzbringende Tätigkeit. Allerdings eignet es sich nicht für jeden Patienten.
Ergebnisse und Schlussfolgerungen
Den Menschen hinter der Krankheit sehen
Alle Studien zeigen, dass Life Story Work (LSW), der englische Begriff für Biographiearbeit, dem Personal hilft, den Menschen hinter der Krankheit zu sehen und die Patienten als Individuen wahrzunehmen. Mitunter wird dadurch jedoch der Unterschied zwischen dem Zustand, bevor der Patient erkrankte, und dem jetzigen Zustand hervorgehoben.
Den Patienten besser kennenlernen
Dank der Lebensgeschichte lernen die Pflegekräfte den Patienten besser kennen und können ihn dadurch auch besser verstehen. Die Lebensgeschichte eröffnet ja einen Einblick in die Vergangenheit des Patienten. Die Pflegenden gaben außerdem an, dass sie es schön fanden, Zeit mit ihren Patienten zu verbringen – vor allem, um sich ihre Geschichte erzählen zu lassen und sich Fotos aus früheren Lebensphasen der Patienten anzusehen. Auch die Situation in der Familie des Patienten lässt sich dadurch besser verstehen.
Besseres Verhältnis
Bei manchen Patienten führte das Teilen von Erinnerungen zu einem besseren Verhältnis zwischen Personal und Patient. Und weil die Rekonstruktion der Lebensgeschichte eine Aktivität ist, die die Mitwirkung der Familienmitglieder erfordert, wird auch die Kommunikation zwischen diesen Personen im Allgemeinen verbessert.
Individuelle Aktivitäten erkennen
Durch die Kenntnis der Lebensgeschichte entdecken die Pflegenden, welche individuellen Aktivitäten zu jemandem passen. Daraus ergeben sich individuelle Pflegepläne und Aktivitätenprogramme. Auch bestimmte psychosoziale Bedürfnisse, die sonst verborgen blieben, können auf diese Weise erkannt werden.
Lebensbuch oder andere Formen?
Die Erforschung der Lebensgeschichte wird am häufigsten bei Senioren und bei Menschen mit Lernstörungen angewandt. Die gesammelten Informationen werden oft in einem Produkt festgehalten, etwa einem Lebensbuch, einer Zusammenfassung der Lebensgeschichte, einer Collage oder einer Kassettenaufnahme. Am häufigsten sind es Bücher mit der Lebensrückschau eines Menschen. Der Patient selbst, seine Familie und andere wichtige Personen erarbeiten so ein Buch oft gemeinsam. Man kann alles Mögliche darin unterbringen: Fotos, Postkarten, Geburtsanzeigen, Heiratsurkunden, Zeitungsausschnitte und Abbildungen, z.B. von der Umgebung, in der jemand früher lebte. Welche Form eignet sich am besten? Das muss noch weiter erforscht werden.
Meinung Patienten und Angehörige
Die Meinung der Patienten und ihrer Angehörigen wurde bisher weniger erforscht. Aus den vorhandenen Studien geht hervor, dass Patienten die Biographiearbeit als eine schöne Aktivität beschreiben. Nicht nur die Aktivität selbst sorgt dafür; auch die Freundschaft, die durch das Teilen des Buchs entsteht, macht froh. Eine Einschränkung der biographischen Arbeit ergibt sich allerdings dadurch, dass manche Bewohner es zwar genossen, dass ihnen jemand zuhörte, sie sich jedoch auch bewusst waren, dass die Zeit der Pflegekräfte begrenzt war. Es bedarf weiterer Studien, um festzustellen, welche Bedeutung die Rekonstruktion der Lebensgeschichte für Angehörige und den Patienten selbst hat.
Nicht für jeden geeignet
Trotzdem ist die Biographiearbeit nicht in jedem Fall sinnvoll. Sie kann auch schmerzhafte Erinnerungen wachrufen. Und nicht alle Patienten wären darüber erfreut, dass die Pflegenden bestimmte Dinge über sie erfahren. Die Pflegekräfte sind sich im Allgemeinen sehr bewusst, dass Biographiearbeit nicht für jeden geeignet ist. Die Forscher empfehlen deshalb, einen Patienten erst „kennenzulernen“, bevor mit seiner Lebensgeschichte gearbeitet wird. Außerdem muss das Personal für den Umgang mit der Lebensgeschichte geschult sein.
Wem gehört das Lebensbuch?
Wer ist der Eigentümer des Buchs mit der Lebensgeschichte? Das ist in der Forschung nicht eindeutig geklärt. Deshalb empfehlen die Wissenschaftler, schriftlich festzulegen, wer Zugang zu dem Produkt hat und wer der Eigentümer ist.
Einzelheiten der Studie
Was war das Ziel?
Die Wissenschaftler wollten Folgendes herausfinden: Was ist in der Literatur bekannt über die Biographiearbeit (Life Story Work) und ihr Einsatz im Pflegebereich? Was bedeutet Biographiearbeit für Patienten, Klienten, Pflegekräfte und Angehörige? Welche Vorteile und welche Beschränkungen sind bei der Biographiearbeit im Pflegebereich erkennbar?
Datensammlung
Artikel für die Übersichtsstudie wurden mit Hilfe von CINAHL, Medline, Assia, PsycINFO, British Nursing Index und Social Science Citation Index gesucht. Vierzehn Studien wurden schließlich ausgewählt.
Beschränkungen
Nahezu alle Studien zur Biographiearbeit benutzten eine qualitative Methode. Der Nachteil dabei ist, dass es sich um einen subjektiven Ansatz handelt und keine objektiven Daten gewonnen werden. Weitere Forschungen müssen hier mehr Klarheit schaffen.
Quelle
Life story work in health and social care: systematic literature review (2006)
Jane McKeown, Amanda Clarke und Julie Repper
Die Forschungsübersicht stammt aus den USA, umfasst jedoch Studien aus mehreren Ländern.
Weiter lesen?
Bücher über Biographiearbeit
- Blimlinger, Eva (1996): Lebensgeschichten. Biographiearbeit mit alten Menschen. 2., überarb. und erw. Aufl. Hannover: Vincentz.
- Gereben, Cornelia; Kopinitsch-Berger, Susanne (1998): Auf den Spuren der Vergangenheit. Anleitung zur Biographiearbeit mit älteren Menschen. Wien: Maudrich.
- Kerkhoff, Barbara; Halbach, Anne (2002): Biografisches Arbeiten. Beispiele für die praktische Umsetzung. Hannover: Vincentz.
- Lambrecht, Elisabeth (2004): Jule-Geschichten. Wie die heute alten Menschen ihre Kindheit erlebten. Hannover: Vincentz Network.
- Osborn, Caroline; Schweitzer, Pam; Trilling, Angelika (1997): Erinnern. Eine Anleitung zur Biographiearbeit mit alten Menschen. Freiburg im Breisgau: Lambertus-Verl.
- Pigorsch, Monika; Kleeberg, Bitten; Sohn, Nadine (2004): Rückschau-Arbeit. Übungen mit dementiell veränderten Menschen. 2., unveränd. Aufl. Dortmund: Verl. Modernes Lernen.
- Schmidt-Hackenberg, Ute; Schmidt-Hackenberg, Kadie (2004): Anschauen und Erzählen. Hannover: Vincentz.
- Scholich, Angelika; Pitschke, Heike (2002): Fotokiste zur Biografiearbeit mit dementen Menschen. Hannover: Vincentz.
- Staack, Swen (2004): Milieutherapie. Ein Konzept zur Betreuung demenziell Erkrankter. Hannover: Vincentz Network.
- Stuhlmann, Wilhelm (2004): Demenz - wie man Bindung und Biographie einsetzt. Mit 11 Tabellen. München: Reinhardt (Bd. 33).
- Trilling, Angelika (2001): Erinnerungen pflegen. Unterstützung und Entlastung für Pflegende und Menschen mit Demenz. Hannover: Vincentz.
- Wolf, Beate; Haubold, Thomas (2009): Daran erinnere ich mich gern! Ein Bilder-Buch für die Biografiearbeit. Hannover: Schlüter.
Quelle
Forum für Egotherapie bei Demenz
