Antipsychotika („Dämpfungsmittel“) werden Demenzkranken oft verabreicht, wenn sie Verhaltensprobleme zeigen. Doch was haben niederländische Wissenschaftler entdeckt? Nach der Gabe von Antipsychotika nehmen die Verhaltensprobleme in vielen Fällen noch zu. 
Antipsychotika wirksam?
Antipsychotika bzw. Neuroleptika werden häufig eingesetzt, wenn alte Menschen mit Demenz Verhaltensprobleme zeigen. Doch sind diese Medikamente überhaupt wirksam? Werden die Verhaltensprobleme bei Demenzkranken durch Antipsychotika tatsächlich gelindert? Und was geschieht, wenn die Medikamente abgesetzt werden? Niederländische Wissenschaftler untersuchten den Verlauf der Verhaltensprobleme von demenzkranken Pflegeheimbewohnern, die mit Antipsychotika behandelt wurden.
Aufmerksamkeit beanspruchen
Während der Behandlung der demenzkranken Pflegeheimbewohner nahm die Schwere der meisten Verhaltensstörungen bei fast der Hälfte der Patienten (47 Prozent) noch zu. Die Pflegeheimbewohner versuchten zum Beispiel, mehr Aufmerksamkeit zu erhalten, indem sie Fragen oft wiederholten oder sich sehr negativ verhielten. Außerdem fiel es ihnen schwerer, ihre Aufmerksamkeit auf etwas zu richten, bei einer Sache zu bleiben oder sich gleichzeitig mit verschiedenen Dingen zu befassen. Lediglich bei einem von sechs Bewohnern besserte sich der Zustand.
Einer von vier
Nach mindestens drei Behandlungsmonaten reduzierte sich bei einem von vier Teilnehmern die Schwere der Verhaltensprobleme. Bei etwas mehr als der Hälfte der Teilnehmer (53 Prozent) verschlimmerten sich die Verhaltensprobleme. Teilnehmer mit schweren Verhaltensproblemen zeigten häufiger einen Fortschritt als Teilnehmer mit milden Verhaltensproblemen.
68 Prozent
Nachdem die Antipsychotika abgesetzt waren, blieben bei 68 Prozent der Bewohner die Verhaltensprobleme unverändert oder sie nahmen ab. Um genau zu sein: 30 Prozent von ihnen zeigten weniger Verhaltensprobleme, bei 38 Prozent änderte sich an den Verhaltensproblemen nichts; bei 32 Prozent nahm der Schweregrad der Verhaltensprobleme zu.
Sechs Monate nach Absetzen der Antipsychotika wurden die Verhaltensprobleme bei mehr als einem Drittel der Teilnehmer schlimmer. Die Mehrheit von ihnen zeigte ein geringeres oder gleich großes Maß an Verhaltensproblemen, nachdem die Medikamente abgesetzt worden waren.
Begrenzte Wirkung
Die Wissenschaftler schließen aus diesen Ergebnissen, dass der Einsatz von Antipsychotika bei
Verhaltensproblemen von demenzkranken Pflegeheimbewohnern nur begrenzt wirksam ist. Ärzte sollten deshalb beim Verschreiben von Antipsychotika bei Verhaltensproblemen zurückhaltend und reserviert sein. Dennoch weisen die Forscher darauf hin, dass der Einsatz von Antipsychotika nicht verboten werden sollte. Bei bestimmten Patientengruppen mit spezifischen Verhaltensproblemen können diese Mittel durchaus wirksam sein.
Einzelheiten der Studie
Insgesamt wurden 556 alte Menschen mit Demenz untersucht. Die Wirksamkeit einer Behandlung mit Antipsychotika bei Verhaltensproblemen wurde überprüft, indem die Verhaltensmerkmale des Patienten vor, während und nach der Behandlung miteinander verglichen wurden. Dabei wurde auf die Daten der „Dutch Vrije Universiteit Resident Assessment Instrument Database“ (VURAIDB) zurückgegriffen. Es handelt sich hier um eine Datenbank mit mehr als 40.000 Messwerten von mehr als 10.000 Pflegeheimbewohnern in den Niederlanden. Das Verhalten der Pflegeheimbewohner wurde mit dem „Challenging Behaviour Profile“ erfasst.
Die Studie unterliegt jedoch Beschränkungen. Es ist eine beschreibende Studie. Mit ihr lässt sich nicht beweisen, dass Bewohner aufgrund der Behandlung mit Antipsychotika besser oder schlechter zurechtkamen. Es gibt auch keine Kontrollgruppe. Deshalb lässt sich nicht feststellen, welche Veränderungen ohne Behandlung auftreten würden. Und auch eine Äußerung oder Vorhersage über den Umfang von Verhaltensproblemen bei einer Behandlung ohne Antipsychotika ist nicht möglich.
Quelle
The cause of behavioral problems in elderly nursing home patients with dementia when treated with antipsychotics;
B.C. Kleijer, R.J. van Marum, A.C.G Egberts, P.A.F. Jansen, D. Frijters, E.R. Heerdinks, M. Ribbe;
International Psychogeriatics; 1-10, 2009
Nederland
Siehe auch den Artikel auf dieser Website: Nicht Tabletten, sondern Schulung
Siehe auch: Demenzkranken Pflegeheimbewohner