Das Wohnumfeld ist wichtig, damit sich demenzkranke Menschen wohl fühlen. Wie muss die Umgebung gestaltet sein, damit sie sich zu Hause fühlen? Worauf muss beim Entwurf, beim Einrichten und beim Organisieren geachtet werden? IDé fasst Erkenntnisse aus der weltweiten Forschung zusammen.
Dieser Artikel beschäftigt sich mit folgenden Themen:
- Planung und Organisation:
- Auswirkungen eines Umzugs
- Fördern kleine Gruppen das Wohlbefinden?
- Allgemeine Aspekte der Umgebung:
- Ist Behaglichkeit wichtig?
- Viele oder wenig Reize?
- Licht und visueller Kontrast
- Nach draußen können
- Einteilung des Gebäudes:
- Orientierung
- Badezimmer
- Toiletten
- Esszimmer
- Die Studie
- Quelle
1. Planung und Organisation
Auswirkungen eines Umzuges
Umziehen? Besser nicht. Wenn ein Pflegeheimbewohner umziehen muss, führt das zu mehr Depressionen und Desorientierung. Das geht aus einer Studie hervor, die das Verhalten einzelner Bewohner, die umzie
hen mussten, im Vergleich zu Bewohnern, die nicht umzogen, erforschte.
Eine andere Studie zeigte jedoch, dass bei einem Gruppenumzug – also einem Umzug des gesamten Wohnbereichs – die Sterblichkeit geringer war als in den Fällen, in denen einzelne Bewohner umziehen mussten. Beide Studien plädieren also dafür, individuelle Umzüge unbedingt zu vermeiden.
Fördern kleine Gruppen das Wohlbefinden?
Die Antwort lautet: ja. In Bereichen, in denen Bewohner in großen Gruppen wohnen, stößt man auf mehr Unrast und emotionale Probleme. Auch die geistigen Fähigkeiten lassen stärker nach. Das ist das Ergebnis einer vergleichenden Studie zwischen Wohnbereichen mit großen und kleinen Gruppen.
In größeren Gruppen verhalten sich Bewohner auch aggressiver untereinander, wie eine andere Studie belegt. Menschen in kleineren Wohngruppen leiden weniger unter Angst und Depressionen. Ihre kognitiven Funktionen (Verstand und Gedächtnis) verbessern sich jedoch nicht.
Mehrere Studien zeigen, dass in kleineren Gruppen eine bessere Kommunikation stattfindet und dass die Bewohner bei den täglichen Aktivitäten besser zurechtkommen.
2. Allgemeine Aspekte der Umgebung
Ist Behaglichkeit wichtig?
Eine behagliche Umgebung wirkt sich im Allgemeinen positiv auf Verhalten und Stimmungslage aus. Unter Behaglichkeit verstehen wir: eigene, nach dem Geschmack der Bewohner eingerichtete Zimmer, gemütliche Möbel und natürliche Elemente wie z.B. Pflanzen und Blumen. Dadurch verbessert sich das geistige und seelische Wohlbefinden, es gibt mehr soziale Kontakte u
nd weniger Unrast. Außerdem kommt es in einer wohnlichen Umgebung seltener vor, dass Bewohner umherirren und den Ausgang suchen. Die Bewohner kommen insgesamt besser zurecht und haben offenbar mehr Lebensfreude.
Studien, die Heime mit einer traditionell institutionellen Umgebung mit Einrichtungen vergleichen, in denen eine gemütliche Atmosphäre herrscht, zeigen, dass in den Einrichtungen mit behaglicher Atmosphäre weniger Aggressionen und Angst vorkommen, weniger Medikamente eingesetzt werden und die motorischen Fähigkeiten besser erhalten bleiben.
Viele oder wenig Reize?
Menschen mit Demenz können zu vielen Reizen ausgesetzt sein, aber auch zu wenig stimuliert werden. Es gilt also, die richtige Balance zu finden. Zu viele Reize („Reizüberflutung“) werden durch laute Geräusche, Hektik und störendes Verhalten anderer Bewohner verursacht. Um diese störenden Reize zu vermindern, kann man die Sicht und vor allem die Geräusche durch Wandschirme einschränken. Diese Möglichkeit ist für Menschen in jedem Demenzstadium geeignet. Ob sie dann auch besser zurechtkommen, lässt sich nicht eindeutig sagen; die eine Studie bejaht und die andere verneint es. Es kommt, wie gesagt, auf die Balance für jeden einzelnen Menschen an. Und eine Umgebung ohne jede Stimulierung ist natürlich auch nicht sinnvoll. Menschen mit Demenz müssen weiter an Aktivitäten teilhaben können und stimuliert werden. In welchem Umfang sie Reizen ausgesetzt werden sollten, hängt vom Individuum ab.
Licht und visueller Kontrast
Menschen
mit Demenz haben oft Sehschwierigkeiten. Darum sollte die Umgebung im Allgemeinen möglichst hell sein, nur allzu grelles Licht sollte man vermeiden. Es ist erwiesen, dass ausreichendes (Tages)Licht den Schlaf-Wach-Rhythmus günstig beeinflusst (siehe die Studie von Eus van Someren). Ferner sollte man die Perzeption (Wahrnehmung) von Tiefe so weit wie möglich vermeiden. Und man sollte für visuellen Kontrast sorgen. Zum Beispiel: Die Tischdecke und die Teller haben völlig verschiedene Farben. Aus einer Studie über visuellen Kontrast beim Essen geht hervor, dass sich Unrast auf diese Weise vermindern lässt.
Nach draußen können
Wenn Türen zu sicheren Außenräumen nicht abgeschlossen werden, nimmt die Unruhe ab. Die Selbstständigkeit wird größer und die Bewohner gehen öfter nach draußen. Wenn sie ins Freie gehen können, fühlen sie sich eher zu Hause; sie sind öfter dem Tageslicht ausgesetzt und sie entfalten andere Aktivitäten. Wie sich zudem gezeigt hat, wirkt die Möglichkeit, hinausgehen zu können, aggressionsmindernd.
3. Einteilung des Gebäudes
Orientierung
Menschen mit Demenz haben oft Probleme mit der Orientierung in Bezug auf Zeit, Ort, und Personen. Das Orientierungsvermögen lässt sich durch die Umgebung beeinflussen. Einige Beispiel
e:
- Eine ruhige Umgebung führt oft zu einer besseren Orientierung.
- Die Orientierung verbessert sich durch Hilfsmittel wie zum Beispiel verschiedene Farben für Zimmer und Türen der Bewohner.
- Eine andere Studie brachte persönliche Elemente (eigene, bekannte Gegenstände und Fotos) in der Umgebung an. Das hilft Bewohnern mit mittelschwerer Demenz bei der Orientierung. In einem frühen Stadium ist das Orientierungsvermögen noch nicht so stark beeinträchtigt, dass dies notwendig ist. Die Orientierung bei Menschen in einem späten Stadium lässt sich durch diese persönlichen Aspekte nicht mehr fördern.
- Auch die Form des Gebäudes spielt eine Rolle. Eine vergleichende Studie zeigt, dass Gebäude in L-, H- oder quadratischer Form für die Orientierung der Bewohner besser sind als Häuser, die nur lange, gerade Flure haben. Runde Formen wurden nicht erforscht. In Gebäuden mit vielen Gängen herrscht mehr Unruhe, die Bewohner haben mehr Probleme, wenn sie praktische Aufgaben ausführen, und die Vitalität und das Identitätsgefühl nehmen ab.
- Eine bessere Orientierung und größere Vitalität ist auch in Gebäuden festzustellen, in denen die Flure geräumiger sind
Badezimmer
Beim Waschen und der Körperpflege auf andere angewiesen zu sein, ist für Demenzkranke eine der stressreichsten Situationen. Zu diesem Ergebnis gelangten mehrere Studien. Während sol
cher Handlungen sind Menschen oft reizbar und unruhig.
Wie sich herausstellte, lassen sich diese negativen Reaktionen auf verschiedene Ursachen zurückführen: unbekannte Hilfsmittel oder Prozeduren, kalte Räume, andere Ereignisse, die die Menschen von ihrer Tätigkeit ablenken und Aspekte, die die Pflege behindern, etwa unzureichende Beleuchtung oder fehlende Haltegriffe. Eigentlich schade, dass sich diese Studien nicht auch damit beschäftigt haben, welchen Einfluss die Form des Umgangs mit den Bewohnern hat.
In einer der Studien wurden in den Badezimmern natürliche Elemente wie Tierlaute und das Plätschern von Wasser abgespielt und Abbildungen von u.a. Vögeln angebracht. Das hatte eine beruhigende Wirkung. Zusammen mit Essen und einem Gespräch, wodurch die Aufmerksamkeit von den Pflegehandlungen abgelenkt wurde, bewirkte dies eine Abnahme der Unruhe bei Bewohnern in einem letzten Stadium der Demenz. Siehe auch den Artikel: „Personenorientiertes Duschen“: mehr Spaß
Toiletten
Inkontinenz kommt bei Menschen mit Demenz häufig vor. Deshalb müssen die Toiletten deutlich erkennbar sein. Menschen in einem frühen und mittleren Demenzstadium können die Toilette am besten finden, wenn auf dem Fußboden Abbildungen sind, da sie beim Gehen den Blick oft auf den Boden gerichtet haben.
Eine andere Studie zeigt, dass die Benutzung der Toilette zunimmt, wenn deutlich sichtbar ist, dass die Toiletten verfügbar sind – insbesondere für Menschen in einem weiter fortgeschrittenen Demenzstadium.
Esszimmer
Zwei Studien beschäftigten sich mit der Frage, welchen Einfluss wohnliche Esszimmer haben können. Die Menschen aß
en am Tisch in kleineren Räumen. Was stellte sich heraus? Die Bewohner kommunizierten mehr und aßen besser.
Ferner wurde erforscht, wie es sich auf den gesamten Wohnbereich auswirkt, wenn die Mahlzeiten in kleineren Esszimmern und nicht in einem zentralen Raum eingenommen werden. Es stellte sich heraus, dass es weniger Aggression gibt. Außerdem gaben die Pflegekräfte an, dass die Bewohner weniger ängstlich sind und dass sie selber mehr Zeit haben, den Menschen beim Essen zu helfen.
4. Konzept und Einzelheiten der Studie
Dieser Artikel gibt die wichtigsten Ergebnisse der Übersichtsstudie „The therapeutic design of environments for people with dementia: a review of the empirical research“ von Day, Carreon und Stump wieder. In dieser Übersichtsstudie wurden Forschungsarbeiten ausgewertet, die auf empirischen Untersuchungen basierten und nach 1980 in englischer Sprache veröffentlicht wurden. Im Mittelpunkt der Arbeiten sollten die Patienten mit Demenz oder ihre Familie oder die Pflegekräfte stehen. Außerdem war es wichtig, dass in den Studien die physische Umgebung von Menschen mit Demenz, ihre Familie und/oder die Pflegekräfte einbezogen wurden. Ausgeschlossen wurden Studien über das Design neuer Produkte; über die sensorische oder soziale Umgebung, ohne dass die Wissenschaftler Einfluss darauf hatten; und Forschungsarbeiten, die nicht von der eigenen Umgebung der Bewohner ausgingen. Und schließlich: Die Schlussfolgerungen aus den unterschiedlichen Studien, die in diesem Artikel referiert werden, werden meist dadurch eingeschränkt, dass die Probandengruppe relativ klein war. Obwohl es manchmal zweifelhaft ist, ob sich die Ergebnisse von Studien mit kleinen Gruppen verallgemeinern lassen, wurden die Ergebnisse jedoch auch in diesen Artikel aufgenommen.
Zudem wurde häufig auf eine Kontrollgruppe verzichtet, und es wird nicht immer zwischen den verschiedenen Graden der Demenz unterschieden. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Ergebnisse insgesamt nicht verlässlich sind; nur sollte man vorsichtig damit umgehen.
5. Quelle
„The therapeutic design of environments for people with dementia: a review of the empirical research.“ Day K, Carreon D, Stump C, 2000. The Gerontologist, volume 40, 4:397-416
Siehe auch den Artikel: „Bereichere die Umgebung“ Interview mit Professor Erik Scherder