Kreativ mit Unruhe umgehen
Was macht man, wenn ein Bewohner tagein, tagaus mit Begeisterung den Löschschlauch ausrollt? Und nachts die Möbel in seinem Zimmer umzieht? Dann ist Kreativität gefragt, sagen die Mitarbeiter im Pflegeheim Ter Reede in Vlissingen. Bericht einer spannenden Spurensuche.
Herr Post, der „Wohnzimmer 15“ bewohnt, hat einen Vollzeitjob. Wenn man ihn fragt, ob er etwa
s essen oder trinken möchte, antwortet er: „Später. Jetzt bin ich noch beschäftigt.“ Wie könnte es anders sein? Herr Post ist Inspektor, Hausmeister, Aufseher, Faktotum - und das alles unbezahlt.
Es ist Sonntag, aber freie Tage gibt es für Herrn Post nicht. Heute hat er die Bücher in seinem Wohnzimmer an den richtigen Ort gelegt. Ein Glas Limonade und ein Stück Apfelkuchen habe er sich verdient, meint er: „Ich hab Durst, hab schwer gearbeitet, das macht was aus.“ Der Mittag gehört der allgemeinen Inspektion. „Inspektor“ Post geht begeistert vor uns her im Korridor, auf dem beidseitig die Wohnzimmer der PG-Abteilung liegen. Wir bleiben vor dem Löschschlauch Nummer eins stehen. Er fängt an, daran zu ziehen. „Schauen Sie, wenn man so tüchtig drückt, kann man es hier ein bisschen ausbauen.“ Er zeigt auf einen Haken. „Der ist als Verstärkung da. Das drücken wir ein bisschen an. Sehen Sie, jetzt schaukelt er nicht mehr.“
Es spritzt nicht
Zeit für Löschschlauch Nummer zwei. Herr Post zeigt auf das Glaskästchen mit dem Text: Scheibe einschlagen – Knopf tief drücken. „Das ist der Anfang des Fadens“, erklärt er geduldig. „Es ist die Basis, der Endpunkt.“
Der dritte Schlauch ist an der Reihe. Auf dem Weg dorthin entschuldigt sich Herr Post: „Der ist verschlissen, denn er wird zu oft benutzt. Dann hat man das, vor allem, wenn es so warm ist.“
Mit großer Konzentration zieht er an dem Schlauch. „Der hat die Neigung, sich schnell festzusetzen. Es ist ein anderer, aber schon von derselben Bauart. Die Spannung ist zu gering. Hier läuft er parallel, und dann hört er auf.“
„Woran ziehen Sie?“, frage ich.
„Das ist der Teil eines Schlauchs“, antwortet der Inspektor. „Was für ein Schlauch? Das weiß ich eigentlich nicht.“ Als ich ein paar Schritte zurücktrete, sagt er beruhigend: „Sie brauchen nicht wegzulaufen, es spritzt nicht.“
„Warum steht hier der Text: Nur bei Brand zu benutzen?“ frage ich ihn.
„Naja, nur bei Brand, he... nicht direkt verbrannt, aber gebrannt.“
Nach den Löschschläuchen werden die Türen des Aufzugs inspiziert. Dann geht Herr Post suchend umher. „Ich schau, ob hier Blumen und Pflanzen sind“, erklärt er.
„Haben Sie heute noch viel zu tun?“
„Nein, jedenfalls nicht nach dem Plan.“ Er schlendert gemütlich weiter.
Macher
„Mein Vater war immer ein Macher“, erzählt Els Post, eines seiner drei Kinder. „Er hat bei anderen viel herumgewerkelt und hat alles mögliche gemacht: Er war Bauernknecht, Gemüsehändler, Milchmann, Hausmeister beim Gesundheitsamt für Tiere.“ Vater Post sei aus Zeeland für einen Job als Postbote in Aalsmeer weggegangen. Bis zu seiner Rente habe er Post ausgetragen.
Els, seine Tochter: „Seine Faszination für Löschschläuche ist uns ein Rätsel. Er war nie bei der Feuerwehr.“ Wie auch immer, ihr Vater arbeite in seiner Erlebniswelt. „Vor ein paar Wochen war er eifrig mit dem Schlauch zu Gange und sagte: ’Ich hab heute tüchtig am Nieuwelandseweg gearbeitet’. Dort wurde er vor 86 Jahren geboren. Da ist er dann in seinen Erinnerungen.“
Medikamente
Bevor Vater Post ins Pflegeheim Ter Reede kam, war er in einem anderen Heim. Tochter Els: „Die Pflegekräfte haben sich wirklich bemüht. Aber die Atmosphäre war so von: brav sitzen bleiben und ab und zu essen. Sonst nervt man.“ Sie hätten versucht, ihren Vater im Stuhl festzuhalten. „Da wurde er aggressiv“, sagt sie. „Das ist nichts für ihn. Er bekam Medikamente zur Beruhigung. Die Dosis Dipiperon, ein Psychopharmakon, wurde täglich erhöht. Er war döste nur noch vor sich hin, furchtbar, ihn so zu sehen.“ Die Familie habe um sein Leben gebangt. Sie habe den Vater aus dem Heim herausgeholt und ihn nach Ter Reede.
gebracht.
Möbelpacker
In seiner neuen Unterkunft baut man die Medikation ab, und Herr Post wird wieder lebendig. Der neue Bewohner arbeitet nachts als Möbelpacker. Im Wohnzimmer schleppt er Tische und Schränke.
Tagsüber setzt Herr Post den Umzug fort. Er bringt die Stühle auf den Gang ins untere Stockwerk, mit dem Lift, den kann er bedienen. Das Pflegepersonal schleppt alles wieder nach oben, manchmal drei oder vier Mal am Tag. Und eines Tages gerät Herr Post in den Bann der Löschschläuche.
Das ganze Haus Ter Reede legt sich ins Zeug für den Neuankömmling. Wie kann man die Situation meistern, ohne seine Freiheit einzuschränken? Abgeschlossene Türen sind in Ter Reede tabu, die Bewohner werden nicht fixiert und beruhigende Medikamente auf ein Minimum beschränkt.
Eine eigene Rumpelkammer
Alle denken mit, vom Pflegepersonal bis zum technischen Dienst. Man stellt jemanden ein, um Herrn Post
nachts zu observieren. Wann wird er wach und aktiv? Lässt sich darin ein Schema erkennen?
Nein, stellt sich nach zwei Monaten Beobachtung heraus.
Der ehemalige Postbote bekommt eine Briefträgertasche geschenkt in der Hoffnung, dass er Post austrägt. Doch Herr Post hat kein Interesse mehr an seinem früheren Beruf.
Neue Idee: eigene Rumpelkammer. Eines der Zimmer wird als Werkstatt eingerichtet, mit Holz, Werkzeug und Pappkartons. Das gefällt dem neuen Bewohner. Wenn ihn die Pfleger in die Rumpelecke bringen, hält er sich dort gern stundenlang auf. Sogar die Heizung kann er fachkundig auseinandernehmen. Aber Herr Post hat zum Werkeln schon bald keine Lust mehr. Der Löschschlauch zieht ihn an.
Jemand schlägt vor, einen Zettel an den Löschschlauch zu hängen: „Nicht berühren! Die Direktion.“ Doch als Herr Post es liest, sagt er: „Stimmt, aber ich muss diese Dinge kontrollieren.“
Gartenschlauch
Der technische Dienst kommt mit der Idee, einen Gartenschlauch aufzuhängen. Aber darauf fällt Herr Post nicht rein. Dann hat jemand einen glänzenden Einfall: ein Löschschlauch in sein Zimmer! Wenn Herr Post liebevoll in sein Zimmer geführt wird, macht er sich vergnügt die Arbeit. Wenn er trotzdem das Bedürfnis hat, die Schläuche im Korridor zu inspizieren, behalten ihn die Mitarbeiter im Auge. Die ausgerollten Schläuche werden umgehend wieder an ihren Platz gehängt.
Tochter Els ist endlich beruhigt, sie sei immer überrascht gewesen „von den sehr unkonventionellen Lösungen, die man sich hier ausgedacht hat, immer auf meinen Vater zugeschnitten.“
Anders arbeiten
Pflegerin José Verhage hat noch vor Augen, wie Herr Post hier ankam, völlig benommen, kaum ansprechbar. Nachdem die Medikation abgesetzt worden war, sei sie tief gerührt gewesen, als sie zum ersten Mal mit ihm in Kontakt gekommen sei. Sie ist von der ersten Stunde an für Herrn Post zuständig. „Hier arbeitet man anders als in den üblichen Pflegeheimen“, sagt sie. „Wir fragen uns ständig, wo hält sich der Bewohner gerade in
seiner Welt auf? Was sieht er? Was ereignet sich da? Warum verhält sich ein Bewohner so und so? Was mag dahinterstecken? Es kommt darauf an, kreativ zu sein.“
Was muss sie als Pflegerin können, um so zu arbeiten? José Verhage: „Man muss Verhaltensweisen richtig analysieren können. Stressbeständig sein. Und einen guten Kontakt zu den Angehörigen haben, denn man ist deren Ansprechpartner, wenn sie zu Besuch kommen.“ Sehr wichtig sei auch, sich Wissen über Demenz anzueignen, über das Verhalten der Kranken, und sie ihrer Biographie entsprechend zu betreuen. Alles Dinge, die in der Ausbildung zu kurz kommen, weiß José Verhage: „Darum haben wir hier im Haus immer wieder intensive Fortbildungen.“
Kühlschrank
„Herr Post zeigt kein Problemverhalten. Das Wort „Problem“ wird hier kaum noch in den Mund genommen. Wir denken uns nicht in die Probleme der Bewohner hinein, sondern in ihre Bedürfnisse und Möglichkeiten“, sagt Wohnbereichsleiterin Hellen van de Griek. „Wir versuchen, die Erinnerungswelt nicht auszulöschen. Das Verhalten von Demenzkranken kann man nicht verändern. Aber wir können uns verändern. Unser Ausgangspunkt ist nicht: Was bieten wir, sondern: Was wollen die Bewohner?“
Ter Reede schwört auf kreative Lösungen. Der Bewohner zum Beispiel, der nachts den Kühlschrank geplündert hat. „Wir haben einen Kühlschrank daneben gestellt, der die ganze Nacht offen blieb und leckere Häppchen hineingelegt.“ Der nächtliche Esser konnte zugreifen!
Coachen
Bewohnerorientiertes Arbeiten in kleinen Wohneinheiten verlangt von den Mitarbeitern andere Fähigkeiten, sagt Heimleiter Fer de Bruin, Soziologe von Beruf. Die kommen nicht von allein, betont er. „Coachen, coachen, coachen. Darum geht es. Man braucht den Fanatismus des Leitungspersonals. Von ihm muss die Leidenschaft ausgehen.“
Ein so intensives Vorgehen wie bei Herrn Post kostet Energie und Geld, aber „den Gewinn holen wir uns woanders“, beschließt Fer de Bruin. „Wir brauchen viel weniger Medikamente. Wir haben zufriedene Bewohner, Mitarbeiter und Angehörige. Was wiegt das nicht alles auf?“
Herr Post schließlich ist äußerst zufrieden. „Ich hab eine schöne Freizeitbeschäftigung“, sagt er. „Ein schönes Leben. So was hab ich immer gern gewollt.“
Der Privatsphäre wegen ist Post ein fingierter Name.