Wie macht man mit dem Fixieren ein Ende? Was bedeutet das für die Leitung und das Management der Pflegeeinrichtung? Worauf muss man achten, was ist notwendig, was sollte man vermeiden? Ein Bericht über die Erfahrungen des Pflegeheims Lückerheide im niederländischen Kerkrade. Im Rahmen des Projekts „Stopp den Gurt“ wurde der Einsatz von Fixiergurten dort von 25 auf 2 Prozent reduziert.
Vorgehen & zeitlicher Ablauf
- 2000: Studie in Pflegeheimen der Meander-Gruppe: Wie oft wird fixiert?
- 2001: Freiwillige aus dem Kreis von Pflegekräften und Pflegemanagement lassen sich fixieren. Dabei entsteht eine DVD, die später gezeigt wird.
- 2002: Einstellung Anti-Fixierungs-Expertin (per 1. Oktober).
- 2003: Das Pflegepersonal und (Para)Mediziner werden geschult.
- 2004: Beobachtung von Bewohnern, die noch fixiert werden. Begleitung von Pflegeteams bei der Suche nach Alternativen.
- 2005/2006: Anschaffung von technischen Hilfsmitteln wie beispielsweise Alarmsystemen, Bewegungssensoren neben dem Bett, Bewachungskameras.
- 2007: Anschaffung niedrig einstellbarer Betten.
- Veröffentlichung der Studie von Anna Huizing mit dem Fazit:
Schulung allein reicht nicht aus, um das Festbinden zu verbannen.
1. Juli: der Verwaltungsrat verbietet das Festbinden.
Vorbildfunktion für die Änderung der Pflegekultur
Heimleiter Math Gulpers und die Anti-Fixierungs-Expertin Ine Smeets betonen die entscheidende Rolle der Heimleitung und der Führungskräfte. Ine Smeets, Führungskraft: „Man muss einen ‚Verrückten’ im Haus haben, der immer wieder daran erinnert. Dabei ist die Rolle des Heimleiters und der Führungskräfte sehr wichtig. Wenn sie es vertreten, macht das Eindruck.“
Math Gulpers: „Am wichtigsten ist, wie ich mich selber verhalte. Ich habe eine Vorbildfunktion. Was ich vorlebe, wird von den Führungskräften übernommen.“
Ebenso wichtig ist gute Kommunikation, sagt Math Gulpers: „Verständigung tut not. Es geht um eine Änderung der Pflegekultur bei allen beteiligten Parteien: Pflegende, Angehörige und (Para)Mediziner. Mit all diesen Parteien wurden intensive Gespräche geführt.“
Wissen aufbereiten und Mitarbeiter begleiten
Der Prozess wurde von der Wissenschaftlerin Anna Huizing von der Universität Maastricht begleitet. Ihre Schlussfolgerung: Schulung allein reicht nicht aus. Math Gulpers stimmt ihr zu. „Obwohl Schulung natürlich sehr wichtig ist für den Bewusstwerdungsprozess“, sagt er. Nach der Studie von Huizing beschloss der Verwaltungsrat der Meander-Gruppe, die Fixiergurte zu verbieten.
Ein Verbot und Schulungsprogramme reichen jedoch nicht aus. Das erworbene Wissen führt nicht automatisch zu einer Verhaltensänderung der Pflegenden. Deshalb muss das Wissen aufbereitet und die Umsetzung im Pflegealltag begleitet werden.
Kontrolle und Wachsamkeit
Die Aufmerksamkeit für das Nicht-Festbinden darf keinen Moment nachlassen, sagt Math Gulpers. „Sie muss zu einem festen Bestandteil des Pflegeleitbildes und der Begleitung der Mitarbeiter werden. Die Vorstellung, dass der Verzicht auf das Fixieren eine Gefährdung der Bewohner bedeutet, hält sich nämlich sehr hartnäckig. Sie ist dem Pflegepersonal bei der Ausbildung und am Arbeitsplatz eingehämmert worden.“
Wenn bei einem Bewohner freiheitseinschränkende Maßnahmen angewendet werden, geht die Anti-Fixierungs-Expertin Ine Smeets bei einer Teambesprechung der Frage nach, ob das tatsächlich nötig ist.
Alternativen zum Fixieren
Eine Auswahl aus den Alternativen zum Fixieren in Lückerheide:
Schulung des Personals zu den Gesetzen und Verordnungen zur (und den Folgen von) Fixierung.
Niedrig einstellbare Betten und technische Hilfsmittel.
Benutzung von Hüftschutzhosen.
Einschalten von Physio- und Ergotherapeuten. Sie versuchen, die Bewohner durch Training fitter und mobiler zu machen. Ergotherapeuten achten zum Beispiel auf die Körperhaltung im Bett oder auf dem Stuhl.
Beruhigende Aktivitäten wie ätherische Öle, Hausclowns, Massage & Massagesessel, Musik.
Pflanzen. Die Ausstrahlung von Pflanzen wirkt beruhigend.
Tiere. Im Garten ist ein kleiner Streichelzoo.
So normal wie möglich leben. Die Bewohner bei den Alltagstätigkeiten wie Kochen, Tisch decken, Abwaschen einbeziehen.
Investition niedrig einstellbare Betten und technische Hilfsmittel
Die niedrig einstellbaren Betten in Lückerheide wurden in Deutschland gekauft und kosten pro Stück 2500 Euro inkl. Mehrwertsteuer.
Die Software für die technischen und elektronischen Hilfsmittel erfordert eine kräftige Investition; die Firma, die diese Software für Lückerheide entwickelt, übernimmt einen Teil davon. Eine Investition, die sich auf die Dauer rentiert. Es sieht so aus: Zugleich mit der Anschaffung der technischen Hilfsmittel begann Lückerheide mit dem Wohnen in kleinen Einheiten. Für den Nachtdienst hätten deshalb mehr Pflegekräfte eingestellt werden müssen. Doch das war nun nicht mehr nötig. Math Gulpers: „Eine Pflegekraft im Nachtdienst kostet mich zwischen 150.000 und 170.000 Euro pro Jahr. Mit dem Geld, das ich auf diese Art einspare, kann ich die Kameras finanzieren.“
Zahlen
- Im Jahr 2000 wurden 50 der 200 Bewohner (25 Prozent) fixiert.
- 2007 war diese Zahl auf 20 Fälle (10 Prozent) reduziert worden.
- Juli 2008: noch fünf Fälle (2 Prozent). Es betrifft hier drei Bewohner, die nachts im Bett mit einem sehr breiten, angenehmer sitzenden Gurt fixiert werden. Außerdem zwei Bewohner, die in einem Trippelstuhl mit einem Hüftgurt fixiert werden, vergleichbar dem Sicherheitsgurt im Auto, der auch angenehmer ist.
Ein unerwarteter Nebeneffekt ist, dass weniger ernsthafte Stürze vorkamen. Vor dem 1. Juli 2007 – dem Tag, an dem das Fixieren verboten und das gurtlose Pflegekonzept eingeführt wurde - kam es zu fast dreimal so vielen ernsthaften Stürzen wie im Zeitraum danach. „Daraus lässt sich folgern, dass die gurtlose Pflege einen positiven Effekt hat“, so der Bericht über das Jahr 2007 der Commissie MIC (Meldingen Incidenten Cliënten), einer Kommission, die Meldungen über Sturzvorkommnisse nachgeht und solche Fälle dokumentiert.
Inhalt der Schulung
Das Schulungsprogramm bestand aus fünf Einheiten von jeweils zweieinhalb Stunden und einem Plenum für Pflegende und Führungskräfte. Die Teilnehmer machten aktiv mit und besprachen verschiedene Praxissituationen. Das Programm bestand unter anderem aus folgenden Elementen:
- Vorführung der DVD über die Erfahrungen von freiwillig fixierten Mitarbeitern und Führungskräften.
- Information über Gesetze und Verordnungen. Was steht im Gesetz über das Fixieren? Und wie wird das in den eigenen Richtlinien umgesetzt?
- Informationen aus wissenschaftlichen Studien über die negativen Folgen von Freiheitseinschränkung.
- Analyse von Risikoverhalten. Lernen, die Ursache für ein bestimmtes Verhalten herauszufinden.
- Bereitstellen von Alternativen zum Fixieren. Alternativen im weitesten Sinne des Wortes; dazu gehört z.B. auch Gehtraining.
Wie setzt man das erfolgreich um?
Fünf Schlüssel zum Erfolg
- Das Festbinden verbieten. Das Verbot muss Bestandteil des Pflegeleitbildes und des Konzeptes der Einrichtung sein.
- Gute Alternativen aufzeigen. Zeigen, dass jemand glücklicher ist, wenn er nicht fixiert wird.
- Intensive Kommunikation mit allen beteiligten Parteien. Sorgfältig an Bewusstwerdung und Änderung der Pflegekultur arbeiten.
- Auf Klienten zugeschnittene Konzepte anbieten; für jeden Klienten individuell erarbeiten, wie er / sie sich gefahrlos bewegen kann.
- Am Konzept festhalten. Dafür sorgen, dass die Führungskräfte fest dahinterstehen und auf die Umsetzung achten. Wachsam bleiben und kontrollieren.
Das Abschaffen der Gurte stößt in der Praxis oft auf Widerstand bei allen Parteien. Es ist wichtig, sensibel damit umzugehen. In Lückerheide wurden folgende Do’s und Don’ts für die Praxis entwickelt:
Do’s
- Mit allen Parteien reden: Angehörige, Pflegende, (Para-)Mediziner.
- Gute Argumente vorbringen. Zum Beispiel die negativen Wirkungen des Fixierens verdeutlichen, so dass klar wird, dass es nicht ins Pflegeleitbild passt.
- Auf die positiven Dinge hinweisen. (Zum Beispiel auf den Bewohner, der sagt: „Es ist ein Wunder geschehen, ich kann wieder laufen.“)
- Mit Widerständen konstruktiv umgehen. (Wenn z.B. der Physiotherapeut sagt: „Das ist unverantwortlich“, erwidern: „Gut, dass Sie das sagen. Was können wir tun, damit es sich verantworten lässt?“)
- Für viel Betreuung sorgen. Und dafür sorgen, dass in allen Bereichen Schlüsselpersonen sind, die darauf achten, dass die Neuerungen erhalten bleiben.
- In Teambesprechungen einen individuellen Plan für jeden Bewohner erstellen, um das Fixieren abzuschaffen. Die Angehörigen dabei einbeziehen.
Don’ts
- In einen Wettbewerb treten. „Wetten, dass es klappt.“ Das wirkt sich negativ aus.
- Keine Schuldzuweisungen. („Jemand ist gestürzt, ich hab doch gesagt, dass es gefährlich ist.“)
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