Vor ungefähr zehn Jahren führte das Pflegeheim Bergweide im niederländischen Heerlen (Provinz Limburg) die erlebnisorientierte Pflege ein. Seither wird das Pflegepersonal in Bezug auf erlebnisorientierte Unterstützung geschult und weitergebildet. Ihre Aufgabe ist es, Kontakt zu den Bewohnern aufzunehmen und ein Vertrauensverhältnis herzustellen. ‘Der Bewohner bestimmt.’
Im gemeinsamen Wohnzimmer eines Wohnbereichs mit zehn Bewohnern im Pflegeheim Bergweide. Eine
junge Pflegerin sitzt neben einer Frau im Rollstuhl, sie streichelt ihr die Hand. Ihre Kollegin schneidet einem alten Mann die Nägel. Und Frau Bosgraag (Deckname) sitzt ganz zufrieden am Tisch, durchblättert das Limburgs Dagblad. ‘Ich lese die ganze Woche die Zeitung’, sagt sie stolz. ‘Bin also die ganze Woche bestens informiert.’ Ihr Blick fällt auf ein Foto mit kleinen Kindern. ‘Ich hab auch Kinder’, sagt Frau Bosgraag. ‘Wie heißen sie gleich wieder?’ Die Pflegerin greift sofort nach der “Doku”. Die Dokus, offiziell Pflegedokumentationen, befinden sich in greifbarer Nähe, sodass jeder bei einem Plausch mit dem Bewohner einen Blick hineinwerfen kann. ’Willy, Loes, Betty, Charlotte’, zählt die Pflegerin auf.
‘Genau. Sie lernen alle gut und gehen noch zur Schule. Sie sind 16, 17, 18 en 19 Jahre. Ja, es hatte alles seine Ordnung. Ich hab mit 21 geheiratet. Mein Mann arbeitet bei der Zeitung. Er hat eine gute Stelle. Wie heißt er gleich wieder?’ Die Pflegerin linst in die Doku. ‘Arnold.’ ‘Genau! Und mein Vater singt schon dreißig Jahre im Chor.’
Baby
In einem anderen Wohnzimmer, halb zwei Uhr nachmittags. ‘Noch ein bisschen Apfelmus?’ Sieben Bewohner essen sichtlich genießend zu Mittag. Vier Mitarbeiter stehen hilfreich um sie herum: zwei Pflegerinnen, eine ehrenamtliche Helferin und eine Praktikantin. An einem Tisch am Fenster wiegt eine Frau eine Puppe, ihr ‘Baby’.
‘Wir kümmern uns gleich wieder um sie’, entschuldigt sich Fauve Pieters, eine der Pflegerinnen. Fauve trocknet in der offenen Küche des Wohnzimmers Geschirr ab. Es sei schön, dass sie sich mit ihrem Baby beschäftige, sagt sie. ’Aber wir machen gleich wieder etwas mit ihr. Spazieren gehen oder Snoezelen. Dann strahlt sie.’
Aufrichtiges Interesse
Fauve Pieters hat früher in anderen Pflegeheimen gearbeitet. ’Aber’, sagt sie, ’hier ist es ein ganz anderes Arbeiten. Hier geht es um den Bewohner, um erlebnisorientiertes Arbeiten.’ Ob sie das genauer erklären könne? ’Jeder Mitarbeiter bringt den Bewohnern aufrichtiges Interesse entgegen. Wir sind immer für sie da, unterhalten uns mit ihnen, unternehmen immer etwas mit ihnen.’
Ihre Kollegin Tamara Vranken ruft spontan in die Gruppe: ‘Heute ist ein herrliches Wetter. Wollen wir rausgehen?’ Für Tamara bedeutet erlebnisorientierte Pflege eine Pflege, wie sie für ihre Oma sorgen würde. ’ Was sie möchte, wird gemacht. Der Bewohner steht an erster Stelle.’ Eine andere Mitarbeiterin: ‘Die Bewohner sollen sich selbst sein dürfen.’
Mit gutem Beispiel vorangehen
Pfleger Pascal Zinken raucht auf der Terrasse, die an das Wohnzimmer grenzt, eine Zigarette. Pascal ist für einen anderen Wohnbereich als Coach zuständig. Im Haus Bergweide (92 ältere Demenzkranke) hat jeder Wohnbereich einen Coach. Sie achten darauf, dass erlebnisorientierte Unterstützung in die Praxis umgesetzt wird und sie gehen mit gutem Beispiel voran.
Heute Morgen noch konnte Pascal seinen Kollegen einen Rat geben. ’Einer unserer Bewohner lässt sich sehr ungern pflegen’, sagt er. ’Wir haben schon alles versucht, um Zugang zu ihm zu finden, so auch heute wieder. Aber ohne Erfolg. Dann habe ich den Kollegen gesagt: “Lassen wir ihn in Ruhe. Wir warten, bis er es selbst will. Der Bewohner bestimmt. Er muss gar nichts und darf fast alles.”’
Pascal merkt, dass er immer seltener eingreifen muss. ’Die Kollegen nehmen von sich aus Kontakt zu den Bewohnern auf. Das wichtigste ist, dass man für den Bewohner da ist. Erlebnisorientierte Pflege erlebt man, im wahrsten Sinn des Wortes. Aber auch die Mitarbeiter müssen sich wohlfühlen. Darum gibt es bei uns einen sozialen Dienstplan. Ich bin seit fast einem Jahr Vater und werde öfter mal zuhause gebraucht. Wenn es irgend geht, wird das bei der Erstellung des Dienstplans berücksichtigt. ’
Vertrauensverhältnis
Coach Pascal gehört dem erlebnisorientierten Team an, einem der Grundpfeiler des erlebnisorientierten Pflegekonzepts in Bergweide, berichten uns Heimleiter Léon Hintzen und Pflegedienstleiterin Monique Ekers. Beide haben in Heimen für geistig Behinderte gearbeitet, wo erlebnisorientierte Pflege gang und gäbe ist. Sie haben Ende der 1990er Jahre beschlossen, die erlebnisorientierte Pflege in Bergweide einzuführen. ’Im Kern geht es darum’, sagt Monique Ekers, ’zu dem Demenzkranken ein Vertrauensverhältnis herzustellen. Dass man den Bewohner wirklich kennenlernt. Und dass man sich in seine Erlebniswelt einfühlt.’
Kraft und Zeit Investieren
‘Es war und ist noch heute ein sehr intensiver Prozess, der von regelmäßigen Schulungen und Weiterbildungen begleitet wird’, sagt Heimleiter Léon Hintzen. ’Die Erfahrung lehrt, dass dieser Prozess nie aufhört. Wir müssen dran bleiben, immer aufs Neue Kraft und Zeit investieren. Erlebnisorientierte Pflege ist nichts Zusätzliches, sondern ein Pflegekonzept.’
In den Kursen und Weiterbildungen kommt auch das Pflegepersonal selbst nicht zu kurz. Darin werden Themen behandelt wie: “Sich selbst besser kennenlernen”, damit man mit ‘schwierigem Verhalten’ besser umgehen kann. Und Fragen wie: Wie erlebst du Aggression? Warum hast du Angst davor? Bist du selbst aggressiv?
Wohlbefinden
In Bergweide steht das Wohlbefinden des einzelnen Bewohners im Mittelpunkt, sagen Léon Hintzen und Monique Ekers. Das heißt: Jeder kann Aufstehen und zu Bett gehen, wann er möchte. Eine Tagesgestaltung, die zu seinem Lebensstil passt. Jeder neue Bewohner wird vor der Aufnahme zuhause besucht. So bekommen die Mitarbeiter einen Eindruck von seinem Lebensstil und seinen Wünschen. All diese Punkte und seine Biographie werden in einer individuellen Pflegeplanung berücksichtigt. Wohlbefinden heißt auch: Hilfe anbieten oder für Abhilfe sorgen, wenn es einem Bewohner nicht gut geht. Als Beispiel erzählen sie von einem inzwischen verstorbenen Bewohner, der allabendlich gegen sechs Uhr unruhig wurde. Ekers: ‘Wir haben herausgefunden, dass seine Unruhe abebbte, wenn sich jemand zu ihm setzte. Statt ihm Beruhigungsmittel zu geben, haben wir es so eingeteilt, dass um die Zeit immer jemand bei ihm war. Und immer, gleich nach dem Abendessen, ging jemand mit ihm spazieren. So wurde er ruhig. Und alle haben mitgeholfen: das Pflegepersonal, Praktikanten, Ehrenamtliche und die Angehörigen.’
Leckeres Essen
Zum Wohlbefinden gehören auch leckeres Essen und Getränke, sagt Léon Hintzen. ’Gut essen und ausgiebig tafeln in einer angenehmen Atmosphäre, ist jeden Tag wichtig. Wir nehmen uns dafür viel Zeit und achten auf Details, ein Ei oder ein armer Ritter zum Frühstück. Zum Abendessen bieten wir auch Wein, Bier, oder einen Likör an. Einmal im Monat gibt es bei uns ein Fünf-Gänge-Menü, an dem auch die Angehörigen teilnehmen. Manchmal jammern die Angehörigen, die Bewohner würden zu dick.’
Bergweide hat sogar einen Preis bekommen. Dafür, dass leckeres Essen in Bergweide garantiert ist. Die Bewohner können also sicher sein, dass sie jeden Tag mit Genuss tafeln können. Denn das Personal führt eine Checkliste, damit auch nichts übersehen wird.
Aktivitäten
Unter Wohlbefinden und erlebnisorientierter Unterstützung versteht man im Pflegeheim Bergweide auch, dass die Bewohner den Tag sinnvoll gestalten können. Und dass sie Anregungen und Angebote bekommen. Monique Ekers: ‘Wir organisieren hier eine Menge, bis hin zu Prozessionen, ein alter religiöser Brauch, der unseren Bewohnern vertraut ist. Es gibt sechzehn Vereine: vom Chor, Schwimmverein, Gartenverein bis hin zu Fitness- und Gymnastikangeboten. Einmal in der Woche organisieren wir eine Männerkneipe.’
Am allerwichtigsten ist, dass wir uns nach dem einzelnen Bewohner richten. ‘Das Pflegepersonal lernt, dass sich zu einem Bewohner setzen und mit ihm zu reden auch Arbeit ist. Und das ist Arbeit! Da sein für den Bewohner, das ist das A und O, darum geht es.’
Interesse
Nicht nur die Bewohner fühlen sich wohl in ihrer Haut, auch an Mitarbeitern fehlt es uns nicht, sagt Monique Ekers. ’Wir haben hier viele ehrenamtliche Helfer, und sie kommen gern zu uns. Auch viele Angehörige helfen mit. Und wenn wir freie Stellen haben, stoßen wir auf große Resonanz. Davon, dass es auf dem Arbeitsmarkt zu wenigen Pflegekräften geben soll, merken wir nichts. Wir können auswählen.