Im Pflegeheim Lückerheide kommt der Fixiergurt so gut wie nicht mehr vor. Wie ist dieser Prozess verlaufen? Und was bedeutet es für die Bewohner, ihre Angehörigen und das Pflegepersonal? IDé trifft auf begeisterte Pflegekräfte und befreite Bewohner. „Fixieren passt nicht in unser Pflegekonzept.“
Frau Balendonk, Witwe eines Bergarbeiters, Mutter von sechs Kindern, immer zum Lachen aufgelegt und nicht
mehr die Jüngste. Sie sitzt im Rollstuhl, denn die Beine „wollen nicht mehr“. Heute genießt sie die Sonne im Park des Pflegeheims Lückerheide, das zur Meander-Gruppe im niederländischen Kerkrade (Provinz Limburg) gehört.
Vor nicht allzu langer Zeit wurde Frau Balendonk noch fixiert - nachts im Bett und tagsüber im Rollstuhl. „Ich fand es furchtbar, dass ich nicht aufstehen konnte“, sagt sie immer noch aufgewühlt. „Ich fühlte mich wie ein Hund an der Kette.“ Sie zeigt auf ihre Hüfte, um die der Gurt gespannt war. „Man fühlt sich so eingeschnürt.“
Frau Balendonk ist befreit. „Jetzt bin ich froh. Wirklich froh“, sagt sie mit einem breiten Lächeln.
Gefährlich
Pflegerin Rachel Franken schenkt Frau Balendonk ein Glas Limonade ein. Rachel musste völlig umdenken: Statt zu fixieren war in Lückerheide nun die „gurtlose Pflege“ angesagt. Ganz schön schwierig, sagt sie: „Ich dachte: ‚Das ist doch gefährlich!’ Ich hatte Angst, dass ein Bewohner hinfällt und sich etwas bricht. Aber nach ein paar Wochen ebbte diese Angst ab.“ Denn das Pflegeheim hat für Alternativen gesorgt. „Niedrig einstellbare Betten zum Beispiel, die man zur Nacht ganz runterfahren kann“, sagt Rachel begeistert. „Wenn ein Bewohner aus dem Bett rollt, verletzt er sich nicht. Und wir haben computergesteuerte Warnsysteme, die uns signalisieren, wenn ein Bewohner nachts aufsteht. Dann gehen wir gleich zu ihm hin.“
Fixiert aus Gewohnheit
Im Jahr 2000 lässt die Meander-Gruppe eine wissenschaftlich begleitete Studie durchführen: Wie oft wird in ihren Einrichtungen fixiert? Mehr als 50 Prozent, stellt sich heraus. Davon ein Viertel mit dem Fixiergurt. Das findet die Meander-Gruppe zu viel und möchte es reduzieren.
Zuerst muss der Fixiergurt verbannt werden. 2002 wird in Lückerheide ein Schulungsprogramm „Stopp den Gurt“ gestartet, das von der Pflegefachkraft Ine Smeets geleitet wird. Im Jahr 2004 ging sie durch die Wohnbereiche und Stationen und untersuchte, warum die Bewohner fixiert wurden.
„Viele Bewohner werden offensichtlich aus Gewohnheit festgebunden“, sagt Ine Smeets. „Irgendwann hat man aus bestimmten Gründen damit angefangen und sich dann keine Gedanken mehr gemacht, ob es überhaupt notwendig ist.“
Ine Smeets ging folgendermaßen vor: Bei jedem fixierten Bewohner wurde der Gurt entfernt. Ine hat sich daneben gesetzt und beobachtet, was passiert. Sie machte eine verblüffende Entdeckung: „Viele standen nicht auf. Sie konnten gar nicht stehen oder laufen!“ Der Gurt war überflüssig.
Doch der Gurt erwies sich als ein hartnäckiges Phänomen. Schulung allein reicht nicht aus, schlussfolgerte die Wissenschaftlerin Anna Huizing von der Universität Maastricht, die den Prozess begleitet hat.
Am 1. Juli 2007 verbietet der Verwaltungsrat das Festbinden. Danach ging alles Schlag auf Schlag. Und so musste es sein, meint Gesundheitswissenschaftler Math Gulpers, Heimleiter im Pflegeheim Lückerheide, der das Projekt von der ersten Stunde an unterstützt hat. „Wir wenden Gewalt an, wenn wir unsere Bewohner festbinden. Das kann ich nicht verantworten. Fixieren passt nicht in unser Pflegekonzept.“
Trippelstuhl
„Guten Tag, Vorsicht ...!“ Mit diesen Worten kommt Herr Bischoffs, ehemaliger Bergarbeiter, im Trippelstuhl mit Autogurt auf uns zu – einem höhenverstellbaren Stuhl mit Rollen, den man mit den Beinen fortbewegen kann. Bevor er diesen Stuhl bekam, saß er angegurtet im Rollstuhl, nachts wurde er am Bett fixiert. Nun steht ein optiscan neben dem niedrig einstellbaren Bett, ein kleines Gerät, das den Pflegekräften signalisiert, wenn er aufsteht. Dann kommt jemand und hilft ihm, z.B. beim Toilettengang.
Herr Bischoffs kann sich verbal nicht mehr gut ausdrücken, aber sein herzhaftes Lachen spricht Bände. „Er kann überall hingehen“, sagt Yvon Schoenmaekers, Wohnbereichsleiterin. „Der Stuhl gibt ihm Freiheit. Auch nachts kann er sich bewegen, wie er möchte.“
Bianca, die Tochter von Herrn Bischoffs, war anfangs nicht gerade begeistert. Der Vater ohne Schutz des Fixiergurts im Bett? Sie sagte: „O je, wenn das mal gut geht. Und dann fällt er aus dem Bett und bricht sich was.“ Aber die befürchteten Stürze blieben aus und heute ist Bianca glücklich über das gurtlose Zeitalter. „Es ist viel schöner, nicht festgebunden zu sein.“
Widerstände gegen die Neuerung
Viele Angehörige waren skeptisch, wenn es darum ging, den Fixiergurt abzuschaffen. Heimleiter Math Gulpers organisierte mehrere Angehörigentreffen. „Wir sagten: ‚Wir können nicht garantieren, dass sie nicht stürzen und dass nichts schief gehen kann. Aber wir tun alles Menschenmögliche, um eine sichere Umgebung zu schaffen. Freiheitseinschränkende Maßnahmen haben für die Betroffenen im Übrigen negative Folgen, und Fixieren schränkt die Freiheit ein. Außerdem passt Festbinden nicht in unser Pflegekonzept: Wie soll mir ein Mensch Wertschätzung entgegenbringen, wenn ich ihn in seiner Freiheit behindere?’“
Auch mit dem Pflegepersonal und den (Para)Medizinern musste intensiv beratschlagt werden. Viele fanden es unverantwortlich. Die Ärzte sagten: „Wir sind für die Sicherheit der Bewohner verantwortlich.“ Die Physiotherapeuten: „Schön und gut, aber speziell bei diesem Bewohner ist es unverantwortlich.“ Die Pflegekräfte wiederum sprachen über Gefahrensituationen. Math Gulpers: „Doch was belegen wissenschaftliche Forschungen? Wenn die Bewohner nicht fixiert werden, fallen sie zwar häufiger hin, jedoch nicht mit schwereren Komplikationen. Von hundert Heimbewohnern, die stürzen, brechen sich zwei bis fünf etwas.“
Lieber ohne
Manchmal befinden sich Rachel Franken und ihre Kollegen in einem Dilemma. Sie bringt ein Beispiel. „Ein Bewohner sitzt im Rollstuhl. Er wird nicht mehr angegurtet. Er steht auf und stürzt.“
In so einem Fall setzen sich alle an einen Tisch: der Heimarzt, der Ergotherapeut, der Physiotherapeut, der Psychologe und die Pflegenden. Rachel: „Dann fragen wir uns: Welche Möglichkeiten haben wir, um die Bewegungsfreiheit des Bewohners zu erhalten?“
Nicht festbinden verlangt andere Fertigkeiten von den Pflegenden, fügt sie hinzu: „Man muss wachsamer und erfinderisch sein.“ Rachel und ihre Kollegen begleiten nun häufiger als vorher einen Bewohner ein Stück. „Und wenn neue Bewohner kommen, sagen wir den Angehörigen gleich, dass wir hier nicht fixieren. Ich empfinde es als eine Herausforderung, wenn ich gut erklären kann, warum wir das nicht tun und was für Alternativen es gibt.“
Ob sie den Fixiergurt wieder einführen würde? Rachel schüttelt den Kopf, sie sagt: „Lieber ohne. Es geht um die Freiheit der Bewohner. Dass sie sich wieder frei bewegen können.“
Maßarbeit
Es kommt auf Kreativität und Maßarbeit an, sagt Ine Smeets. Einige Beispiele: Ein Bewohner brauchte nicht mehr fixiert werden dank eines „Optiseats“, einem signalgebenden Sitzkissen, das Alarm auslöst, wenn er aufsteht. Eine Bewohnerin wurde festgebunden, weil sie in ihrem Rollstuhl sehr oft wippte. Eine kleine Veränderung am Rollstuhl brachte Abhilfe, nämlich eine Beschwerung der Rückseite, damit der Rollstuhl nicht umkippen konnte. Es half auch, die Bremsen nicht festzustellen. Außerdem entdeckte das Team, dass die Unruhe der Bewohnerin ein Signal ihrer Müdigkeit war. Wenn man sie zu Bett brachte, wurde sie ruhiger.
Ine kann nicht aufhören zu erzählen. Ein inzwischen verstorbener Bewohner wurde tagsüber im Trippelstuhl angegurtet. Auch er wurde befreit. Ine: „Eines Tages rief er: ‚Ein Wunder ist geschehen! Ich kann wieder laufen.’“
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