Kürzlich brachte IDé eine Fotoreportage über den Klanggarten der Otto-und-Anna-Herold-Stiftung im bayrischen Karlstadt. Hier nun eine kurze Reportage über die Philosophie des Hauses. „Ein jeder trage des anderen Last … wir helfen tragen.“
Rudi Gosdschan geht durch sein Alten- und Pflegeheim. Er wirkt wie ein Magnet - von allen Seiten kommen die
Bewohner auf ihn zu, als würden sie von einer unsichtbaren Kraft angezogen. Rudi kennt sie alle, weiß von den meisten auch den Namen. „Hallo“, ruft er, „wie geht es Ihnen?“ Er redet laut, damit ihn jeder hören kann. Er legt die Hand auf Schultern, auf Arme, berührt die Menschen oft. Und sie mögen ihn, das sieht man.
Es herrscht eine lebendige und fröhliche Atmosphäre. Ein Mann mit schlohweißem Haar und rotem Kopf, der gerade bei einer Tasse Kaffee sitzt, sagt: „So gut bin ich in meinem ganzen Leben noch nicht versorgt worden.
Menschenfreund
„Gosdschan überschlägt sich mal wieder vor Eifer.“ Das sagen die Leute in Karlstadt, aber sie meinen es nicht böse. Es soll eher Anerkennung und Staunen über das ausdrücken, was der 52-jährige Rudi Gosdschan in ihrem kleinen Städtchen erreicht hat. Er will immer Dinge, die jeder andere für unmöglich hält.
Rudi Gosdschan mag Sinnsprüche. Einer davon hängt an der Wand hinter seinem Eichenschreibtisch: „Ein jeder trage des anderen Last.“ Und darunter steht: „Wir helfen tragen.“
Die andere Wand ist mit Fotos sämtlicher Mitarbeiter bedeckt, unter jedem Bild steht der Name. „Die Mitarbeiter sind ja die Seele und das Kapital dieses Hauses.“ Er ist schon fünfzehn Jahre Leiter der Otto-und-Anna-Herold-Stiftung. Rudi ist ein Menschenfreund und die Seele des Hauses.
Heimat
In der Herold-Stiftung wohnen keine „abgeschriebenen“ Menschen. Die Bewohner können eigene Möbel und persönliche Erinnerungen mitnehmen. Es wird alles getan, damit das Heim zu einer Heimat wird.
Von geräumigen, ansprechend gestalteten Vestibülen tritt man in die gemeinsamen Wohnzimmer ein. Mit Sitzecken und Sofas, dazwischen kleinen Nischen zum Sitzen und Ausruhen oder um ein Weilchen allein zu sein. Und überall stehen alte Möbel aus Großmutters Zeit: eine geschwungene Nähmaschine, ein imposanter Wäscheschrank, eine Anrichte und ein Bügeltisch mit einer dicken Wolldecke. „Die Menschen sollen sich hier zu Hause fühlen“, sagt Rudi.
Einzelheiten
Jede Einzelheit ist durchdacht. Von einem von Raum zu Raum wechselnden Bodenbelag, damit die Bewohner immer gefühlsmäßig wissen, wo sie sind, den Bildern an den Wänden mit freundlichen Farben, den Kränzen aus Trockenblumen bis zu den Terrassen mit einer weiten Aussicht über die Berge und die Umgebung. Und für die Gläubigen gibt es eine hauseigene Kapelle. Wer nicht mehr gut zu Fuß ist, hat einen Fernsehapparat im Zimmer. Und es gibt einen großen Garten, den jeder Bewohner aufsuchen und verlassen kann, wann immer er möchte.
Holzwerkstatt
Ein Prinzip von Rudis Philosophie lautet: „Ich bin etwas wert.“ Und das sollen die Bewohner sooft wie möglich erfahren. Die Menschen sollen eine Beschäftigung haben, sich weiterhin nützlich fühlen. „Eine kleine Aufgabe bekommen“, wie Rudi es nennt. Darum hat er Küchen einrichten lassen. Weil im Haus viele Frauen leben, die in der Vergangenheit viel in der Küche und im Haushalt tätig waren, haben sie auch im Pflegeheim die Möglichkeit dazu. Sie können dort backen und kochen. Auf diese Weise merken die Bewohner, meint Rudi, dass sie nicht abgeschrieben sind. „Aber es müssen sinnvolle Tätigkeiten sein.“ Für die Männer gibt es eine Holzwerkstatt, in der sie tischlern und herumwerkeln können.
Ferienreise
Ein weiterer Grundsatz von Rudi lautet: „Nicht dem Leben Jahre geben, sondern den Jahren Leben geben.“
Hier wird alles Mögliche unternommen, um den Jahren der Bewohner Leben zu geben. Viele Aktivitäten werden angeboten, sogar in Internetcafés. Es gibt auch Ausflüge mit Pferd und Wagen oder Schifffahrten auf dem Main. Und die Bewohner machen natürlich eine Ferienreise, jedes Jahr, sieben Tage lang.
Wasserbett
All diese Mühe merkt man auch im sogenannten „Snoezelenraum“, dem Wohlfühlraum, in dessen Mitte ein Wasserbett steht. Wer sich darauflegt, kann eine tief gehende Entspannung erleben. Einmal wurde eine Frau ins Haus aufgenommen, die so tief gebeugt ging, dass man Angst haben musste, sie könnte umfallen. „Nach einer halben Stunde auf dem Wasserbett kam sie fast aufrecht aus dem Snoezelenraum“, sagt Rudi. Diese Erfahrung hat ihn so berührt, dass er zwei Geräte entwickeln ließ, die ungefähr die gleiche Wirkung haben wie das „Snoezelen“, jedoch auf den Betten von Patienten, die nicht mehr so leicht aufstehen können. So hat er auch ein „mobiles Kochstudio“ entwickelt. Im Zimmer von bettlägerigen Patienten können so zum Beispiel am Bett Waffeln gebacken werden.
Freundeskreis
Ist dieses Haus teurer als andere Pflegeheime in Deutschland? Nein, sagt Rudi. „Mit dem Geld, das wir zur Verfügung haben, lässt es sich gut finanzieren, solange man nicht erwartet, Gewinn zu machen und solange das Geld nicht für andere Projekte außerhalb des Hauses ausgegeben wird.“
Selbstverständlich wird für die Extras, die Besonderheiten, etwas mehr benötigt: guter Kontakt zu potenziellen Sponsoren, ein tatkräftiger „Freundeskreis“ sowie die Unterstützung von Menschen, die sich für die Idee, für ein besseres Haus einsetzen. „Es geht um eine Leidenschaft für die Menschen, die einem anvertraut sind“, sagt Rudi.
Windeln
Bei Rudi geht die Praxiserfahrung so weit, dass er auch einmal wissen wollte, wie man sich fühlt, wenn man zum Tragen einer Windel gezwungen wird. Also hat er sich selbst eine umgebunden. Es dürfte kein angenehmes Gefühl gewesen sein. Dafür weiß er nun genau, wovon er redet.
Quelle
Dieser Artikel ist eine Bearbeitung von „Ausnahmezustand“, einem Kapitel aus dem Buch „Wohin mit Vater? Ein Sohn verzweifelt am Pflegesystem“, Anonymus, Verlag S. Fischer.